DER KÖNIG DES NORDENS KOMMT — WESTMINSTER HÖRT NEUE TÖNE
London, Kabelraum. Die Drähte summen wieder. Heute Morgen trug das Überseekabel eine Nachricht aus einer Zeit, die für uns noch in weiter Ferne liegt. Ich notiere, was ich höre.
Am zweiundzwanzigsten Juni trat Keir Starmer vor die Tür der Downing Street Nummer zehn und sprach von seinem Rücktritt. Tränen in der Stimme. Zwei Jahre Amtszeit. Die schlechtesten Umfragewerte, die ein britischer Premierminister je eingefahren hat. Das Vertrauen der Bevölkerung war verloren, das seiner eigenen Partei schon vorher.
Am selben Tag — und hier beginnen die Drähte scharf zu zeichnen — wurde Andy Burnham als neuer Abgeordneter für den Wahlkreis Makerfield vereidigt. Den Sitz hatte er am achtzehnten Juni in einer hart umkämpften Nachwahl errungen. Die Labour-Fraktion applaudierte, als er den Eid sprach.
Wer die Meldung kennt, versteht den Klang: Burnham gilt als wahrscheinlichster Nachfolger Starmers — als Parteichef der Labour und als nächster Premierminister des Vereinigten Königreichs. Sollte er gewählt werden, wäre er der siebte britische Premierminister binnen zehn Jahren. Und der erste bekennende Katholik in diesem Amt, soweit die Aufzeichnungen reichen.
Burnhams Lebenslauf liest sich wie ein Westminster-Roman. Er begann 1997 als Mitarbeiter eines Abgeordneten, als Tony Blair die Macht übernahm. 2001 zog er selbst ins Unterhaus ein, gewählt für seinen Heimatwahlkreis Leigh in Greater Manchester. Unter Blair diente er als Junior-Minister im Gesundheitsressort. Unter Gordon Brown stieg er auf zum Secretary of State for Culture, Media and Sport und später zum Gesundheitsminister.
Zweimal kandidierte er für die Führung der Labour-Partei — 2010 und 2015. Zweimal scheiterte er. Beim zweiten Mal unterlag er Jeremy Corbyn, der inzwischen aus der Partei ausgeschlossen wurde.
Dann, im Jahr 2017, die Wendung: Burnham verließ Westminster und kandidierte für das Amt des Bürgermeisters von Greater Manchester. Eine Entscheidung gegen die übliche Logik britischer Politik, die sich um London dreht. Wer vorankommen will, bleibt im Zentrum. Burnham ging nach Norden, mit dem Argument, die Regierungen hätten das Land jenseits der Hauptstadt aus den Augen verloren. Er sprach vom Abgrund zwischen Bevölkerung und Westminster-Politik. Er griff das, was er die "Metropolitan Elites" nannte, mit deutlichen Worten an.
Acht Jahre lang baute er sich in Manchester eine eigene Machtbasis auf. Nun, nach seiner Rückkehr ins Parlament, gilt er als Thronfolger.
Während ich dies in die Maschine tippe, sortieren sich die Meldungen aus Westminster. Dem Vernehmen nach stehen Labour-Abgeordnete Schlange für ein Foto mit dem designierten Nachfolger. Namen wie Angela Rayner und Wes Streeting fallen. Es geht um Posten in einer neuen Regierung. Es geht darum, wer in welcher Kabinettsreihe landet.
Eine Figur tritt in den Berichten auffällig still in den Hintergrund: Rachel Reeves, die Schatzkanzlerin. Die Schilderungen beschreiben ihr Gesicht beim Aufstieg Burnhams als "nicht zu verbergende Bestürzung". Sie gilt als Wackelkandidatin. Sollte Burnham das Ruder übernehmen, wird die Schere der Partei auch sie treffen.
Ein Frequenzwechsel. Manchester wird lauter, die Downing Street leiser. Ein Mann ohne Adelstitel, ohne die übliche Londoner Politikausbildung, steigt auf — getragen von einer Region, die sich seit Jahrzehnten von Westminster nicht vertreten fühlt.
Mein Bleistift kratzt. Der Kaffee ist kalt. Das Lötzinn glüht. Ich übersetze weiter. Solange die Drähte summen, gibt es etwas zu hören.