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Rot, Trump, Infantino – die FIFA als Empfänger

13. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Washington ruft Zürich an. Zürich gehorcht. So einfach ist die Geschichte eines Abends, an dem ein Weltverband seine eigenen Regeln außer Kraft setzte – und zwar nicht heimlich, sondern mit voller Lautstärke, damit alle es hören.

Seattle, Achtelfinale, WM 2026. 57. Minute. Matt Freese, der ganz in Gelb gekleidete US-Torhüter, ist aus seinem Strafraum gekommen. Er hat den Ball eigentlich schon geklärt, dann zögert er – warum auch immer, einen Augenblick. Charles De Ketelaere erkennt die Gelegenheit. Hans Vanaken kann den Ball ins leere Tor schieben, Tim Ream fälscht ihn noch mit der Hacke ab, ohne ihn zu stoppen. Es sieht läppisch aus, fast albern. 3:1 für Belgien in einem Stadion, das vorher voller Hoffnung und Träume war.

Folarin Balogun, der Mann, der in drei WM-Spielen drei Tore für die USA geschossen hatte und in den so viele Hoffnungen gesetzt wurden – bis hinauf zum Präsidenten der Vereinigten Staaten –, sitzt am Ende auf der Bank zwischen Christian Pulisic und Antonee Robinson, das Trikot über die Nase gezogen. In der zweiten Minute der Nachspielzeit ist er ausgewechselt worden. In der dritten Minute erzielt Romelu Lukaku nach einem weiteren schlimmen Ballverlust das 4:1. Statt zum ersten Mal seit 2002 wieder das Viertelfinale einer WM zu erreichen, ist das Turnier für die USA vorbei.

Dass Balogun überhaupt auf der Bank sitzt, das ist die eigentliche Geschichte dieses Abends. Im vorherigen Gruppenspiel hatte er die Rote Karte gesehen – nach einem groben Foul, regelkonform, unanfechtbar. Die Sperre für das Achtelfinale folgte den Statuten, Punkt. Was dann geschah, liest sich wie eine schwere Störung im Sendebetrieb: Die FIFA hob die Sperre wieder auf. Ohne jede Begründung, unter Berufung auf Artikel 27 ihres Disziplinarreglements. Laut „New York Times" erstmals seit 1962 – damals hieß der Begünstigte Garrincha, und schon damals war es nicht der Sport, der die Regel bog, sondern die Politik.

Was die FIFA offiziell als „Überprüfung" kommunizierte, war ein persönlicher Anruf. US-Präsident Donald Trump rief FIFA-Präsident Gianni Infantino an – und bestätigte den Anruf mittlerweile selbst. „Ich habe lediglich um eine Überprüfung gebeten", sagte er. „Ich habe nicht gesagt, dass man das tun muss. Gianni Infantino ist ein kluger, hartnäckiger Mann." Infantino folgte. Noch am Abend bedankte sich Trump auf seiner Plattform „Truth Social": Die FIFA habe das Richtige getan.

Man muss den Vorgang nicht weiter deuten – die Beteiligten legen ihn selbst aus. Mitte Februar dieses Jahres, erste Sitzung des neuen „Friedensrats" von US-Präsident Donald Trump in Washington: viele Redner, lange Reden. Irgendwann greift der überraschend eingeladene FIFA-Präsident zur roten Baseballkappe mit dem weißen USA-Schriftzug, zieht sie sich über die Glatze und grinst in die Runde. Die anwesenden Staatenlenker verziehen keine Miene. Die „Süddeutsche Zeitung" hielt die Szene fest, als Auftritt eines Pausenclowns. Strenger gelesen war es ein Bekenntnis: ein FIFA-Chef, den die eigenen Statuten zu politischer Neutralität verpflichten, führte vor versammelten Staatschefs vor, für wen er aufläuft.

Die Vorgeschichte reicht weiter zurück, bis zum 6. Oktober 2015. Damals war Infantino noch nicht FIFA-Präsident, sondern Generalsekretär der UEFA. Er besteigt in Genf ein Flugzeug nach New York, Abflug 11:45 Uhr, Rückkehr keine 48 Stunden später. In den UEFA-Büchern steht als Reisezweck eine Vorstandssitzung der US-Agentur CAA – die allerdings laut Firmenunterlagen bereits am Vortag per Videoschalte stattgefunden hatte, mit Infantino zugeschaltet aus Nyon. Wozu also die Reise? Die „Süddeutsche Zeitung" hat im November 2022 in einer großen Rekonstruktion nachgezeichnet, wie sich in dieser Phase die Bande zwischen Infantino und seinen amerikanischen Gönnern festigten – in einem Machtapparat, in dem am Ende immer die Mächtigen gewinnen.

Das Spiel in Seattle ist abgepfiffen. Belgien trifft am Freitag in Los Angeles auf Spanien. Infantino sah das Ende auf der Tribüne, neben der belgischen Verbandspräsidentin Pascale Van Damme. Die Partymusik dröhnt aus den Boxen der Pubs am Stadion. Das Riesenrad an der Elliott Bay hat nicht aufgehört, sich zu drehen. Die „Seattle Times" titelt am Montagmorgen „A Day To Remember" – ein Tag, an den man sich erinnern wird. Die Zeit wird zeigen, in welcher Form.

Denn die Frage reicht über Balogun hinaus. Sie lautet: Wer kontrolliert die Frequenz in einem Weltverband, der sich für neutral erklärt? Die FIFA hat diese Neutralität an einem Abend verspielt, an dem ein Telefon klingelte. Die Regeln gelten, solange es niemanden stört, sie zu biegen. Sobald der richtige Anrufer auf der Leitung sitzt, werden sie zu Statuten auf Widerruf. Die Sportler auf dem Platz zahlen den Preis – und am Ende jene, die den Wettbewerb noch ernst nehmen.

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