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ZÄHLER AUF 105: DJOKOVIC STELLT FEDERER EIN

13. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

London, 3. Juli 2026. Der Mann, der nicht aufhört, hat wieder gewonnen. Novak Djokovic, 39 Jahre alt, Serbe, vierundzwanzigfacher Grand-Slam-Champion, schlägt den Franzosen Arthur Rinderknech 7:5, 6:4, 1:6, 7:6. Sein 105. Einzelsieg auf dem Rasen von Wimbledon. Gleichauf mit Roger Federer. Die Maschine läuft weiter.

Aber ich will nicht nur über Tennis schreiben. Ich will über die Drähte reden. Über das, was man nicht sieht, wenn der Ball über das Netz fliegt.

Auf dem Centre Court entscheiden heute keine Linienrichter mehr. Keine Menschen in weißen Jacken, die nach starren Regeln rufen, ob der Ball die Linie berührte oder eine Haaresbreite daneben war. Statt dessen: ein elektronisches Auge, das den Ball mit Dutzenden Kameras verfolgt, den Aufprall berechnet, binnen Millisekunden ein Urteil auf den Bildschirm sendet. "Out" leuchtet es auf, oder es bleibt still. Kein Streit. Kein "Ich hab's gesehen." Die Technologie hat das menschliche Auge ersetzt — und niemand hat gefragt, ob das gut ist.

Wer kontrolliert das? Ein Unternehmen, das seinen Namen an die Anlage vermietet. Wer profitiert? Der Veranstalter, der keine Fehlentscheidungen mehr erklären muß. Wer zahlt den Preis? Die Arbeiter, die früher einmal die Linien hüteten — freigesetzt, ersetzt durch ein Kamerasystem, das niemals blinzelt.

Zurück zum Sport. Djokovic verlor den dritten Satz in 18 Minuten. Das ist nichts. Eine kurze Störung im Signal. Dann, im Tiebreak des vierten Satzes: zwei Asse hintereinander. Der Franzose rutscht aus, fällt in Richtung Netz. Matchball. Djokovic springt, schlägt eine Rückhand-Volley ins offene Feld. Aus. Sieg. Er selbst sagte hinterher: "Ich sah ihn ausrutschen und dachte: bitte bleib unten." So viel zum Adel des Profisports.

Nun wartet Roman Safiullin. Ein Qualifikant aus Russland, Weltranglisten-132., der zwei gesetzte Spieler aus dem Turnier geworfen hat — darunter den zwölftgesetzten Andrej Rublew in Runde eins. Vor einem Jahr noch monatelang verletzt, Knieprobleme, nicht sicher, ob er je zurückkommt. Er weinte nach seinem Sieg über den Brasilianer João Fonseca, 6:3, 6:3, 6:3. Tränen auf Court 2. Auch das ist eine Form von Aufzeichnung.

Und dann die andere Geschichte, die mit dem Sport nichts zu tun hat und doch alles. Jonathan Clement, 38, kniet nieder auf den Rängen des Centre Court. Seine Juliet, 39, sagt ja. Es ist sein erstes Mal in Wimbledon überhaupt. Sie ist lebenslange Stammgästin, wohnt um die Ecke, ihre Großmutter gleich die Straße hoch, und ein großer Djokovic-Fan, wie sie sagt. Die beiden kennen sich seit dreieinhalb Jahren; ein Paar sind sie erst seit zehn Monaten, wiedervereint in Portugal, wo sie heute beide leben.

Der Antrag ist eine Replik. Genau einundzwanzig Jahre zuvor, am selben Tag, am selben Platz, haben seine Eltern um die Hand der Mutter angehalten. "Der heilige Gral", sagt er später. "Ich habe das seit einem Monat geplant." Die Tennisanlage als Familienerbstück. Der Rasen, auf dem großer Sport und kleine menschliche Dramen gleichzeitig stattfinden.

Djokovic, der Kuppler, wie die Boulevardpresse ihn nennt — es ist bereits der zweite Antrag in dieser Wimbledon-Woche bei einem seiner Matches. Was für eine Maschine er ist: 105 Siege, und am Rand seines Spielfeldes knien Menschen nieder und fragen nach dem Leben.

Martina Navratilova, 120 Siege, hält den Rekord bei Damen und Herren. Djokovic wird sie nicht einholen — nicht in diesem Jahr, vielleicht nicht je. Acht Wimbledon-Titel stehen noch aus. Fünfundzwanzig Grand Slams ebenso. Gleichstand bedeutet im Wörterbuch des Sports: Mittagspause, nicht Feierabend.

Was Federer sagt, ist nicht überliefert. Was Djokovic sagt: "Eine große Ehre. Ich schlage ein Match zwischen mir und Roger um 106 vor." Lächeln. Mikrofon aus. Depesche geht raus.

Aus meinem Büro, das nach Lötzinn und kaltem Kaffee riecht: Der Centre Court ist eine Bühne, und die Kameras sind überall. Jeder Ball, jeder Schritt, jeder Heiratsantrag — aufgezeichnet, übertragen, verwertet. Wer das Sagen hat, sitzt nicht auf dem Platz.

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