Die dreihundert Dollar, mit denen man Sie hört
Willkommen in der Ära, in der ein Lautsprecher für dreihundert Dollar Ihr Wohnzimmer füllt — und gleichzeitig alles andere füllt, was Sie nie hören sollten. Der Bose Lifestyle Ultra, schwarzer Quader, 3,7 Pfund, Mesh-Design, ist jene Sorte Konsumgut, die als Architektur der Aufmerksamkeit daherkommt und als Möbel verkauft wird.
Dreihundert Dollar, exakt 299,99 bei Amazon, 299 direkt bei Bose. Eine Sandstone-Variante für weitere fünfzig Dollar obendrauf — ein Zuschlag, der gern als Geschmacksfrage deklariert wird und in Wahrheit eine Kategoriefrage ist: die der Konfektionsgröße des Einverständnisses. In weniger als fünf Minuten ist das Gerät eingerichtet; man scannt einen QR-Code, lädt die App, verbindet sich mit dem WLAN, und der Lautsprecher empfängt Bluetooth, Wi-Fi oder Aux, ganz nach Belieben. „Es ist intuitiv", schreibt die Testerin der New York Post, „und Sie müssen kein Techniker sein, um zu verstehen, wie dieser Lautsprecher funktioniert." Das ist der Halbsatz, in dem das ganze Jahrhundert steckt. Sie müssen nichts verstehen. Das Verstehen wird für Sie übernommen. Wer Alexa+ als Sprachsteuerung akzeptiert, wer den EQ per App justiert, wer dem Lautsprecher erlaubt, den Raum zu „füllen", hat nicht ein Möbelstück erworben, sondern einen Knotenpunkt in einem Netz, dessen übrige Knoten er nicht kennt.
Man verkauft Ihnen den Klang. Man nimmt die Daten. Das eine ist die Bühne, das andere das, was hinter dem Vorhang passiert. Die Testerin spielte Mitraz, AP Dhillon, Diljit Dosanjh, David Guetta, Chris Lake, Zedd und John Summit — der Lautsprecher lieferte einen warmen, immersiven, fast besänftigenden Klang, der die Vocals „scharf und klar" hervorhob und Töne hörbar machte, „die Sie sonst nicht einmal auf den besten Kopfhörern hören würden". Natürlich. Natürlich hören Sie Dinge, die Sie sonst nicht hören. Das ist seit Jahren das Versprechen der schönen neuen Schallwelt: wir hören für Sie mit. Die Frage ist, wohin das Mitgehörte fließt.
In Sun Valley, Idaho, traf sich dieser Tage die Branche zur alljährlichen Konferenz der Allen & Co. Man strickt dort, um 14:30 Uhr Mountain Time, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Comcast-CEO Brian Roberts, dem ein Anwesender „eine etwas niedergeschlagene Miene" attestierte, stellte Pläne vor, die NBCUniversal-Abteilung unter Mike Cavanagh aus dem Kabelgeschäft herauszulösen; Michael Angelakis übernimmt das verbleibende Unternehmen. Jeff Bezos traf mit Lauren Sánchez ein. Bill Gates, siebzig, erreichte das Gelände am Donnerstag im Golfwagen, an der Seite seiner Freundin Paula Hurd, wenige Wochen, nachdem er sechs Stunden vor dem House Oversight Committee über Jeffrey Epstein ausgesagt hatte. „Ich habe gelernt, dass Epstein über sensible Informationen über mein Privatleben verfügte", sagte er. „Epstein arbeitete daran, diese Informationen zu nutzen, um Druck auf mich auszuüben, zusammen mit vielen Lügen, die er darüber legte."
Es ist nicht Aufgabe dieses Textes, einen Kausalzusammenhang zu konstruieren, wo die Quellen keinen hergeben. Es ist sehr wohl Aufgabe dieses Textes festzuhalten, dass dieselbe Branche, deren Produkte unsere Wohnzimmer füllen, sich an einem Ort versammelt, an dem das Stricken auf der Tagesordnung steht und Männer, deren Namen wir seit dreißig Jahren kennen, mit Fragen konfrontiert werden, die sie vor zwanzig Jahren nicht hätten beantworten müssen. Das Bose Ultra ist nicht das Produkt einer Verschwörung. Es ist das Produkt einer Ökonomie, die ihre Konsumenten an einem Punkt abholt, an dem das Möbel zum Sensor wird, und ihre Manager an einem anderen, an dem das Mittagessen zur Konferenz wird. Beide Punkte existieren in derselben Sekunde.
Ich erinnere mich an einen polnischen Diplomaten in Genf, der mir einmal sagte: „Vera, das Schlimmste am Verrat ist nicht, dass er wehtut, sondern dass er bequem ist." Sein Vertrag wurde nicht eingehalten, soweit ich weiß. Er sagte es leise, und er trug Handschuhe, als er die Papiere faltete. Heute verstehe ich ihn besser. Dreihundert Dollar für ein Gerät, das Ihre Musik spielt und Ihre Daten nimmt. Eine kostenlose App, die in fünf Minuten installiert ist. Alexa+, die zuhört, wenn Sie nicht sprechen. Und eine schöne neue Innenarchitektur der Sichtbarkeit, verkleidet als Wohnkultur.
In Sun Valley wird gestrickt. In Ihrem Wohnzimmer wird zugehört. Mehr braucht ein Leser nicht zu wissen.