Der vermessene Mensch — Was die Optimierung übrig lässt
Die Drähte summen. Ein Mann in Südkalifornien schluckt hundert Präparate am Tag, lässt sich das Blut seines Sohnes in die Venen schleusen, schläft nach Satellitenzeit, misst seinen Herzschlag im Schlaf. Bryan Johnson, zwei Millionen Dollar im Jahr, n gleich eins. Das Experiment eines Menschen mit sich selbst. Eine Anlage, die nicht mehr stillstehen darf.
Am dreißigsten Juni dann die Diagnose: autoimmune Gastritis. Das eigene Immunsystem frisst die Zellen, die Magensäure produzieren. Unheilbar. Eine Krankheit, die sich nicht wegoptimieren lässt.
Die Empörung im Netz war sofort zur Stelle. Wellness-Influencer, die noch vor drei Monaten seine Protokolle verkauften, schoben hämisch ihre Clips ins Netz. Sie taten, als hätten sie es immer gewusst. Eine Frau, die sich organicbunny nennt, erklärte zwischen Haarbürste und Lippenstift, man könne Gesundheit nicht injizieren. Eine andere warnte, die Hypervigilanz trainiere das Nervensystem, alles als Bedrohung zu sehen. Eine dritte fragte süffisant, was seine perfekte Don't-Die-Strategie mit all den Daten ihm denn nun sage.
Sie haben Unrecht. Aber sie haben auch nicht ganz Unrecht.
Denn was hier auf dem Seziertisch liegt, ist nicht ein einzelner Mann und sein Versagen. Es ist ein Verfahren. Eine Methode, die längst aus den Laboren und Praxen in die Wohnzimmer gekrochen ist. Eine Logik, die verspricht, den Menschen in eine Variable zu verwandeln. Schlaf als Input. Blutwert als Output. Der eigene Körper als Apparat, der nur noch richtig konfiguriert werden muss.
Ich habe als Telegraphistin angefangen. Damals, vor den Drähten, hieß es: Wer nicht in den Takt passt, ist Störung. Später, beim Funk, beim Radar: dasselbe Lied in höherer Frequenz. Wer aus dem Raster fällt, wird aussortiert. Die Technik hat keine Geduld mit Zufall, mit dem Stolpern, mit dem, was nicht vorherzusehen ist.
Heute, 1937, schreiben sie uns Algorithmen. Aber die Logik ist älter. Sie ist die Logik der Effizienz, des Durchsatzes, der Auslese. Man nehme den Menschen, zerlege ihn in Datenpunkte, füttere die Maschine, erhalte das Optimum. So die Verheißung.
Die Wirklichkeit ist prosaischer. Katherine Dolan, eine Forscherin, deren Aufzeichnungen mir zugespielt wurden, hat dieser Tage etwas notiert, das mich an meine alten Funkstunden erinnert: Geschichten seien keine Unterhaltung. Sie seien das Training des sozialen Gehirns. Empathie, Theory of Mind, Emotionsregulation — lauter Größen, die man nicht messen kann, ohne sie zu zerstören. Wer einem Kind Bilderbücher vorliest, statt ihm Memes vor den Latz zu knallen, wer einem anderen Menschen zuhört, statt ihn in Datenpunkte zu zerlegen — der trainiert jene Muskeln, die keine App je wird trainieren können.
Geschichten brauchen Unordnung. Sie brauchen die Pause, das Stolpern, das Ungesagte. Sie brauchen Zeit, die wir nicht für produktiv halten. Sie sind, in der Sprache der Optimierer: Ineffizienz. Ressourcenverschwendung. Reibungsverlust.
Wir tauschen sie gegen Kurzvideos, gegen Gesundheits-Dashboards, gegen das beruhigende Summen eines Algorithmus, der uns genau das erzählt, was wir hören wollen. Cognitive offloading nennen das die Neurologen. Das Gehirn, das sich daran gewöhnt, das Denken an die Maschine auszulagern. Es wird nicht schlauer. Es wird fauler. Es wird stiller.
Bryan Johnson ist das Extrem dieser Logik. Ein Mann, der sich selbst zur Schnittstelle gemacht hat, zur Fehlerschnittstelle, die keine Fehler mehr kennen darf. Als sein Körper ihm dann doch eine Wahrheit schickte — die Wahrheit, dass auch das beste Protokoll gegen eine autoimmune Realität nicht ankommt — da standen die Clowns schon bereit. Nicht weil sie ihm etwas Böses wollten. Sondern weil sie sich schützen mussten. Wer das Scheitern des Optimums feiert, muss das eigene Mittelmass nicht verantworten.
Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Was bleibt übrig, wenn alles optimiert ist?
Keine Geschichten mehr. Keine Mythen, keine Vorbilder, keine Narben, die zu erzählen sich lohnen. Nur noch Datensätze. Nur noch ein Körper, der wie ein defektes Bauteil behandelt wird. Nur noch ein Nervensystem, das trainiert wurde, jede Regung als Bedrohung zu lesen.
Die Influencer, die Bryan Johnson verspotten, machen weiter. Sie scrollen, sie kuratieren, sie messen ihre Schritte, optimieren ihr Workout, ihre Ernährung, ihre Beziehung. Sie haben den Algorithmus nicht besiegt. Sie sind sein Produkt.
Wir haben uns angewöhnt, den Menschen wie eine Maschine zu behandeln, weil Maschinen uns das versprochen haben — Präzision, Kontrolle, Sicherheit. Wir haben vergessen, dass die Maschine nichts kennt, das nicht eingegeben wurde. Sie kennt den Tod nicht. Sie kennt das Glück nicht. Sie kennt den blauen Montagmorgen nicht, an dem nichts funktioniert und trotzdem etwas Wichtiges passiert.
Wer garantiert uns eigentlich, dass wir das alles optimieren wollten?
Die Drähte summen weiter. Ich übersetze, was ich höre. Es klingt nicht nach Fortschritt. Es klingt nach dem Geräusch von etwas, das gerade verschwindet.