STROM UND SCHATTEN
Die Drähte summen, aber sie sagen heute weniger als sonst. In den vergangenen Wochen erreichten die Redaktion Mitteilungen über Bilanzen, die zu schön klingen, um wahr zu sein. Fabrikanten versprechen kWh-Zahlen, die mit dem Rechenschieber nicht aufgehen. Lebenszyklus-Versprechen, die beim zweiten Hinsehen zu Kurzstrecken-Berechnungen werden. Ökologische Fußabdrücke, die niemand gemessen hat.
Was hier als öffentliche Debatte verkauft wird, ist oft nur Werbung mit langen Beinen.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Tinte auf dem Entwurf des vorigen Artikels ist noch nicht trocken, da flattert die nächste Meldung herein. Eine Firma behauptet, ihr neues Aggregat verbrauche dreißig Prozent weniger als das Vorgängermodell. Schöne Zahl. Welcher Prüfstand? Welche Last? Welche Dauer? Schweigen im Äther. Eine andere Zuschrift — nennen wir sie vorerst nur die Papiere aus dem Ruhrgebiet — legt Daten vor, die eine ganze Branche in Frage stellen. Die Lebensdauer der Komponenten, so heißt es, liege deutlich unter den Versprechen der Hersteller. Die Instandhaltungskosten fressen die Einsparungen auf. Aber die Papiere sind nicht unterzeichnet, nicht datiert, die Methodik nicht beschrieben.
Solange das so ist, drucke ich nichts.
Das ist keine Heldentat. Das ist Handwerk. Ein Telegraphist, der ein unklares Signal sendet, gefährdet das gesamte Netz. Eine Reporterin, die eine ungeprüfte Zahl druckt, gefährdet das Vertrauen der Leser. Beides ist nicht wieder gutzumachen.
In den Redaktionsstuben der Konkurrenz sieht es anders aus. Dort werden Pressemitteilungen abgeschrieben, Hochglanzfotos der Direktoren darunter geklebt, und am Ende steht ein Lobgesang auf den Fortschritt. Ob der Fortschritt hält, was die Drucksache verspricht, fragt niemand. Die Auflage stimmt.
Ich frage trotzdem.
Die Energiebilanz eines Geräts beginnt nicht an der Steckdose und hört nicht am Fabrikzaun auf. Sie beginnt im Bergwerk, wo das Erz gefördert wird, und endet auf der Schrotthalde, wo die Metalle warten. Wer nur den Mittelteil zählt, betrügt — bewusst oder aus Bequemlichkeit.
Die Lebenszykluskosten sind die ehrlichere Währung. Ein Motor, der wenig Strom frisst, aber alle zwei Jahre eine neue Wicklung braucht, ist im Betrieb teurer als sein schwerfälliger Bruder, der drei Jahrzehnte läuft. Diese Rechnung steht in keinem Prospekt. Sie steht in den Werkstattbüchern derer, die reparieren müssen statt zu ersetzen.
Der ökologische Fußabdruck — der Begriff ist neu, das Phänomen ist alt. Rauch, der aus dem Schornstein steigt, ist eine physikalische Größe. Er lässt sich messen. Er lässt sich nicht wegargumentieren mit dem Hinweis auf die schöne Form des Kamins.
Was mich beunruhigt, ist die Geschwindigkeit, mit der diese Fragen in den Markt geworfen werden, bevor sie beantwortet sind. Vergleiche werden gezogen zwischen Technologien, die unter völlig verschiedenen Bedingungen getestet wurden. Durchschnittswerte werden ausgewiesen, die niemand nachvollziehen kann. Studien werden zitiert, die niemand gelesen hat.
Eine Quelle behauptet. Eine andere widerspricht. Die Redaktion sitzt zwischen den Stühlen. Was tun?
Nicht drucken, was nicht belegt ist. So einfach. So schwer.
Es gibt einen Grund, warum ich diesen Beruf gewählt habe. Nicht wegen der Romantik des Funkens und nicht wegen des Klanges der Morsetaste. Sondern weil hier jemand sitzen muss, der die Frequenzen hört, die andere überhören — und der den Mund hält, wenn das Signal zu schwach ist.
Die Debatte, die derzeit über die Energie- und Umweltbilanzen geführt wird, braucht keine weiteren Meinungen. Sie braucht Zahlen, die Hand und Fuß haben. Methoden, die offenliegen. Quellen, die ihren Namen unterschreiben.
Solange das fehlt, ist jeder Artikel, der eine Position bezieht, ein Glücksspiel mit dem Vertrauen der Leser.
Die Drähte werden weiter summen. Ich bleibe dran.