Wenn die Drähte schweigen: Rolf Harris und die Sender des Wegsehens
Eine neue Dokumentation rollt den Fall Rolf Harris neu auf. Im Zentrum steht nicht die Straftat selbst, sondern die Frage, warum über Jahrzehnte hinweg so viele Menschen von den Übergriffen wussten und schwiegen. Die zweigeteilte Amazon-Prime-Serie "Rolf Harris: Primetime Predator" wurde in Großbritannien und Australien gedreht, Regie führte Nick Sweeney.
Harris, 2023 in seinem Haus in Bray, Berkshire gestorben, war Unterhalter, Maler, Didgeridoo-Spieler, Moderator. Jahrelang trat er im Familienfernsehen auf, tourte durch Hallen, sprach zu Kindern. 2014 wurde er in Großbritannien wegen sexueller Übergriffe zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Ein zweiter Prozess im Jahr 2017 brach zusammen. In Australien, seinem Geburtsland, wurde er nie angeklagt. Diese Leerstelle in der Justizgeschichte ist der Ausgangspunkt des Films.
"Die Serie begann mit einer einfachen Frage", sagt Sweeney. "Wie kann die Geschichte eines Mannes, der in einem Land wegen Sexualstraftaten gegen Kinder verurteilt wird, aus Sicht seiner australischen Opfer weitgehend unerzählt bleiben?" Für die Dokumentation sprachen erstmals Opfer, einige von ihnen Australier, öffentlich über ihre Erfahrungen. Der Regisseur beschreibt die Recherche als langwierig, die Bereitschaft der Opfer als schwer errungen.
Die Ironie der öffentlichen Vita liegt offen: In den 1980er Jahren trat Harris in einem Aufklärungsfilm namens "Kids Can Say No!" auf, der Kinder vor Sexualstraftätern warnen sollte. Zur selben Zeit, so rekonstruiert die Dokumentation, missbrauchte er Kinder und vulnerable Frauen. Die Bandbreite der Quellen reicht von Augenzeugen am Set bis zu Aussagen über backstage und private Begegnungen.
Was den Film besonders schwer aushaltbar macht, ist das Ausmaß des Mitwissens. Sweeney bringt es auf eine Formel: "Was mich am meisten überrascht hat, war nicht das Ausmaß des Missbrauchs. Es war die Infrastruktur des Schweigens." Frauen, die bei Produktionen mit Harris arbeiteten, seien davor gewarnt worden, mit ihm allein backstage zu gehen. Führungskräfte hätten sein Verhalten am Set beobachtet und geschwiegen. Beschwerden aus mehreren Jurisdiktionen seien im Sand verlaufen.
Der Investigativreporter Meirion Jones berichtet in der ersten Folge, wie seine Frau bei der BBC vor Harris gewarnt wurde. Ein Vorgesetzter habe ihr gesagt: "Fahr nicht allein mit ihm im Aufzug. Geh nicht allein mit ihm die Treppe rauf." Die Warnung erfolgte – die Konsequenz blieb aus. Welche Funktion der Warnende hatte, wann der Hinweis erfolgte und an welche Stellen er nicht weitergeleitet wurde, wird in der Dokumentation rekonstruiert.
Harris' Verhaftung im Jahr 2013 schockierte sein Publikum, nicht aber jene, die mit ihm gearbeitet hatten. Die Dokumentation zeigt erstmals systematisch, wie das Schweigen organisiert war – nicht als spontane Reaktion in einer Paniklage, sondern als dauerhafte Struktur, die über Sender, Produktionsfirmen und Behörden hinweg stabil lief. Die Hinweise zirkulierten, die Akten blieben liegen.
Teil zwei behandelt das Versagen der australischen Justiz. Opferverbände fordern seit Jahren eine förmliche Untersuchung. Bisher ist keine erfolgt. Die Dokumentation bündelt erstmals die Aussagen mehrerer Opfer in einem Format, das einer breiten Öffentlichkeit zugänglich ist. Welche Folgen die Veröffentlichung haben wird, ist offen.
Aus der Sicht der Sendetechnik, in der ich arbeite, liest sich der Fall wie eine Studie über gestörte Frequenzen. Das Signal war da. Es wurde empfangen. Es wurde nicht weitergeleitet. Die Drähte führten den Strom, der Schalter an der Konsole blieb auf stumm. Was die Dokumentation sichtbar macht, ist nicht nur das Verbrechen eines einzelnen Mannes, sondern die Topologie eines Netzes, in dem Wissen zirkulierte, ohne jemals Konsequenzen auszulösen.
Die Dokumentation endet mit den Aussagen der Opfer. Sie tragen die Erzählung. Über die Konsequenzen für die damals Mitwissenden enthält der Film keine abschließende Bilanz. Die Wellen, die "Primetime Predator" jetzt aussendet, sind noch nicht verebbt.