Frankreichs Dauer-Alarm: Was die ORSAN-Verlängerung über den Staat verrät
Wenn ein Staat den Notstand verlängert, bevor der Auslöser verschwunden ist, dann ist das keine Vorsorge mehr — es ist Eingeständnis. Premierminister Sébastien Lecornu hat am Montag den Gesundheitsnotstand ORSAN auf seiner höchsten Stufe belassen, „für den Fall einer erneuten Hitzewelle", wie er zu Beginn einer Regierungskrisensitzung erklärte. Paris rüstet sich also für das, was gerade erst vorüber ist: eine Hitzewelle, die am 20. Juni begann, nach Angaben von Wissenschaftlern die schlimmste war, die je in Europa aufgezeichnet wurde, und in Frankreich laut der öffentlichen Gesundheitsbehörde Santé Publique rund tausend zusätzliche Tote forderte — die meisten davon älter als 65 Jahre. Die wahre Zahl, so die Behörde, dürfte höher liegen.
Das ist die offizielle Bilanz. Das Beunruhigende ist nicht die Bilanz selbst, sondern die Tatsache, dass die Maschine nicht stillgestellt wird. ORSAN, der Plan zur Bewältigung sanitärer Notlagen, bleibt auf höchster Alarmstufe, während der Wetterdienst Météo-France meldet, die extreme Hitze habe sich „in den meisten Teilen des Landes abgeschwächt". Die Temperaturen werden, so die Vorhersage, Ende der Woche erneut steigen. Man bleibt also wachsam, weil die nächste Welle angekündigt ist, bevor die letzte verebbt ist. Was wie Umsicht aussieht, hat die Struktur einer chronischen Überforderung.
Europa erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt — diese Feststellung von Klimaforschern gehört inzwischen zum festen Wortschatz jeder Pressekonferenz, in der es um Hitze geht. Sie wird so oft wiederholt, dass sie ihre Schärfe verloren hat. Doch ihre Konsequenzen sind noch nicht in der Architektur der staatlichen Reaktion angekommen. Frankreich hat in einer Woche eintausend Menschen verloren, die vermutlich nicht an Hitze gestorben wären, hätten sie in einer besser angepassten Umgebung gelebt. Das ist keine Naturkatastrophe im klassischen Sinne. Es ist das Resultat einer Infrastruktur, die für ein Klima gebaut wurde, das es nicht mehr gibt.
Die Sitzung am Montag soll, so der Premierminister, zwei Dinge leisten: Bilanz ziehen über die Bewältigung der vergangenen Woche und Vorbereitung auf das, was kommt. Es ist bemerkenswert, dass diese beiden Aufgaben nicht mehr zu trennen sind. Eine Regierung, die zwischen Krise und Krise keine Pause mehr findet, ist keine Regierung im Normalbetrieb — sie ist eine Regierung im Notbetrieb. Die Kosten dieses Modus sind unsichtbar, solange er funktioniert. Sie zeigen sich in den Haushalten, die für dauerhafte Mobilmachung umgeschichtet werden, in den Verwaltungen, die keine Kapazitäten mehr haben für langfristige Planung, in den Krankenhäusern, deren Personal aus der einen Belastungsprobe in die nächste taumelt, in den Altenheimen, die bei jeder Hitzewelle zum Krisengebiet werden, ohne dass sich an ihrer Bausubstanz, ihrer Belüftung, ihrer Personaldichte etwas Grundsätzliches ändert.
Denn genau dort, in den Einrichtungen, in denen die über Sechzigjährigen leben — jene Gruppe, die Santé Publique als die hauptbetroffene identifiziert hat —, entscheidet sich, ob ORSAN ein Notfallplan bleibt oder zur Dauereinrichtung wird. Man kann einen Plan auf höchster Stufe halten, so lange man will. Wenn die Wohnungen, in denen ältere Menschen allein leben, im Hochsommer zu Brutkästen werden, hilft der Alarmknopf auf dem Schreibtisch des Premiers wenig. Wenn die Notaufnahmen während einer Hitzewelle nicht nur mit Hitzepatienten, sondern mit der regulären Sommerlast gleichzeitig fertig werden müssen, dann ist die Frage nicht, ob der Plan funktioniert. Die Frage ist, was er nicht mehr abdeckt.
Frankreichs öffentliche Gesundheitsbehörde hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die gesundheitlichen Auswirkungen der extremen Hitze alle Bevölkerungsgruppen betroffen haben — nicht nur die Älteren. Das verändert die Diagnose. Es handelt sich nicht um ein Problem der Pflegebedürftigen. Es handelt sich um ein Problem der Anpassungsfähigkeit der gesamten Gesellschaft: ihrer Städte, ihrer Arbeitszeiten, ihrer Schulgebäude, ihrer öffentlichen Räume. ORSAN kann Symptome behandeln. Die Ursachen liegen in der Bauweise, in der Energiepolitik, in der Frage, wie viel ein Gemeinwesen bereit ist, in Prävention zu investieren, bevor die Toten gezählt werden.
Die Regierung tagt am Montag. Sie wird am Ende eine Erklärung abgeben, wahrscheinlich mit Zusagen, wahrscheinlich mit Zahlen, wahrscheinlich mit der Versicherung, dass Frankreich vorbereitet sei. Wer die Sprache der Pressekonferenzen kennt, weiß, was es bedeutet, wenn ein Staat sich selbst bescheinigt, vorbereitet zu sein, während er den Notstandsstatus nicht senkt. Es bedeutet, dass die Schwelle, ab der ein Zustand als normal gilt, verschoben wurde. Es bedeutet, dass das Außergewöhnliche zur Routine geworden ist — und dass genau in dieser Verschiebung die eigentliche Krise liegt. Frankreich steht nicht vor einer Hitzewelle. Frankreich steht vor der Frage, ob es noch zwischen Krise und Normalität unterscheiden kann.