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Genossen im Grandhotel

17. Juli 2026 — — — Kastner

Als der Portier in der Pariser Allee 17 die Tür öffnete, trug er Handschuhe. Weiß, wie zu besten Zeiten der Belle Époque. Im Foyer stand ein Springbrunnen aus carraresischem Marmor, und an der Garderobe hing ein Pelzmantel, dessen Besitzerin — so erfuhr man später — noch im Mai auf einer Maikundgebung die Überwindung der bürgerlichen Lebensweise gefordert hatte. Der Vorgang, meine Damen und Herren, ist nicht anekdotisch. Er ist symptomatisch.

In diesem Jahr vollzieht sich eine Entwicklung, die mit leiser Penetranz in die Wohnungslisten der Genossinnen und Genossen Einzug hält: der Umzug in die herrschaftliche Etage. Die Argumente, die ihn begleiten, sind so alt wie die Bewegung selbst — und so neu wie die Quittung des Tischlers, der die maßgefertigten Einbauten liefert.

Man beruft sich auf die notwendige Repräsentation. Man spricht von der psychologischen Hygiene der Führungskraft. Man zitiert, mit wachsender Begeisterung, die altehrwürdige Maxime, dass asketische Reinheit zwar für die Massen, nicht aber für die Avantgarde tauge. Es ist die alte Trennung in Kopf und Hand, in Funktionär und Gefolgschaft, nur dass heute der Funktionär im Salon sitzt und die Gefolgschaft am Fuße der Treppe wartet.

Die Zahlen, die in den Verwaltungen der Wohnungsbaugenossenschaften geführt werden, sind nicht öffentlich. Wer Einsicht verlangt, stößt auf die übliche Mauer: Vorgang vertraulich, Genosse. Wer Einsicht erhält, schweigt. Wer dennoch spricht, zieht um — in eine kleinere Wohnung, am Stadtrand, mit Ofenheizung.

Dabei ist die Sache selbst nicht so geheimnisvoll, wie die Beteiligten sie sich wünschen. Ein Mensch, der den Tag über in Versammlungen, Sitzungen, Komitees und nächtlichen Diskussionszirkeln verbringt, sehnt sich nach Räumen, die diese Anspannung aufnehmen können. Die Drei-Zimmer-Wohnung mit Plumpsklo, die er als Student lobte, wird ihm, wenn er Verantwortung trägt, zur physischen Unmöglichkeit. Das Parkett — und hier wird die Argumentation interessant — wird zur Dienstwohnung umdefiniert. Das Dienstmädchen zur Haushaltshilfe im Rahmen der Gemeinschaftsaufgaben. Der eigene Garten zum Erholungsraum für die kadermäßige Regeneration.

Die Sprache ist immer dieselbe. Sie nimmt den bürgerlichen Gegenstand auf und taucht ihn in ein Vokabular, das seine Herkunft verleugnet. Marmor wird kulturelles Erbe. Stuck wird historische Bausubstanz. Und der Kronleuchter im Herrenzimmer des Genossen, der noch vor fünf Jahren in der Holzbaracke am Rande des Parteiverlags wohnte, wird zur Beleuchtung der geistigen Arbeit.

Man darf das nicht falsch verstehen. Ich kritisiere es nicht. Ich beobachte es. Denn es gibt einen sehr präzisen Punkt, an dem eine Bewegung, die sich als materialistisch versteht, den Materialismus nicht mehr als Mangel, sondern als Komfort definiert. Diesen Punkt erreicht man unweigerlich, wenn die Bewegung Erfolg hat. Der Erfolg — und nicht die Überzeugung — ist die Mutter des Parketts.

Die Belle Etage hat ihre eigene Moral. Sie verlangt nicht, dass man sie erklärt; sie verlangt nur, dass man sie bezahlt. Wer sie bezahlen kann, hat sie verdient — so lautet das unausgesprochene Gesetz, das in jeder Gesellschaft gilt, die sich eine andere nennt. Die Genossen, die in der Pariser Allee 17 einziehen, haben den Sozialismus nicht verraten. Sie haben ihn nur in eine Wohnung mit Zentralheizung verlegt. Dort, wo die Gardinen schwerer sind als die Parolen.

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