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Die App als Werkstor: Null Punkte für Wolt, Bolt, Lieferando und Uber

17. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Berlin, Juli 2026. Die Zahl steht im Raum wie eine Anklage: null. So viele Punkte haben Wolt, Bolt, Lieferando, Uber und Uber Eats auf der Fairwork-Skala 2026 erreicht. Die Studie, die das so beziffert, stammt nicht aus einem Gewerkschaftshaus, sondern aus dem Wissenschaftszentrum Berlin und dem Oxford Internet Institute. Sie heißt schlicht Fairwork-Bericht und liegt inzwischen in der vierten Ausgabe vor.

Die Botschaft ist unbequem. Sie trifft ein Geschäftsmodell, das uns seit Jahren als Fortschritt verkauft wird: die Gig-Economy. Wer dieses Wort erfunden hat, versteht sein Handwerk. "Gig" klingt nach Jazz-Club, nach Freiheit, nach einem Auftritt, den man auch ablehnen kann. Dahinter verbirgt sich ein Niedriglohn-Konstrukt, das sich hinter einer App versteckt. Die App ist das neue Werkstor. Wer sie nicht passiert, existiert wirtschaftlich nicht.

Die Fairwork-Forschung hat fünf Bereiche definiert, in denen eine Plattform überhaupt als fair gelten darf: Bezahlung mindestens auf Mindestlohn-Niveau, sichere Arbeitsbedingungen mit Ausrüstung und Unfallversicherung, verständliche Verträge ohne versteckte Klauseln, Management-Prozesse, gegen die man Beschwerde erheben kann, und Mitbestimmung durch legitimierte Betriebsräte. Maximal zehn Punkte. Branchenprimus Flink erreicht sieben. Helpling folgt mit Abstand. Der Rest der namhaften Liefer-Plattformen steht bei null.

Null heißt: kein einziges Kriterium nachweislich erfüllt. Kein verständlicher Vertrag. Keine nachvollziehbare Beschwerdestelle. Kein Betriebsrat, der gewählt werden darf. Das ist keine Meinung von Aktivisten, sondern das Ergebnis einer wissenschaftlichen Erhebung, die seit vier Jahren mit derselben Methodik misst.

Bemerkenswert ist die Entwicklung. Lieferando hat sich im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert. Wolt, Bolt, Uber und Uber Eats bleiben konstant auf dem gleichen niedrigen Niveau wie 2025. Stillstand auf dem untersten Rang ist keine Stabilität, sondern ein dokumentierter Zustand. Wer die Stellschrauben kennt und nichts ändert, hat eine Wahl getroffen.

Die eigentliche Grauzone liegt anderswo. Die Plattformen argumentieren — und sie argumentieren routiniert —, dass ihre Fahrerinnen und Fahrer keine Arbeitnehmer seien, sondern Selbständige oder "Partner". Diese juristische Behauptung ist die Voraussetzung dafür, dass keine Sozialabgaben anfallen, kein Kündigungsschutz greift, kein Betriebsrat zustande kommt. Sie ist gleichzeitig die einzige Weise, wie sich das Geschäftsmodell rechnet. Der Algorithmus, der Aufträge verteilt, ist in dieser Logik kein Vorgesetzter, sondern ein neutraler Marktplatz. Wer ihm nicht folgt, bekommt keine Aufträge mehr — aber das sei ja eigene Entscheidung.

Diese Logik ist die moderne Variante des Subunternehmer-Tums. Damals wie heute entscheidet eine Zwischeninstanz darüber, wer arbeitet, zu welchem Preis und unter welchen Bedingungen. Damals stand ein Großunternehmer am Ende der Kette, heute eine Aktiengesellschaft mit Sitz in den Niederlanden, in Estland oder den USA, die das deutsche Arbeitsrecht elegant umgeht, indem sie behauptet, es gelte für sie nicht.

Der Fairwork-Bericht 2026 ist eine Einzelquelle. Seine Methodik ist transparent, seine Kriterien sind überprüfbar, die Bewertung beruht auf Selbstauskünften der Plattformen und auf Befragungen von Beschäftigten. Ob die Unternehmen die Bewertung akzeptieren, steht auf einem anderen Blatt. Wer sich selbst null Punkte gibt, hat allerdings wenig Raum für Einspruch.

Was bleibt, ist eine nüchterne Diagnose: In der deutschen Plattformökonomie, wie sie 2026 vermessen wurde, gibt es für die große Mehrheit der Beschäftigten keine fairen Arbeitsstandards. Das ist kein Zufall, sondern Konstruktion. Wer "Gig" sagt, meint Ausbeutung mit besserem Marketing. Die App ist das Werkstor, der Algorithmus der Werkmeister, der Mindestlohn eine Verhandlungsoption, die auf dem Bildschirm erscheint und auf dem Konto oft genug nicht ankommt.

Die Wissenschaft hat ihre Arbeit getan. Jetzt ist die Politik am Zug.

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