uga auf Emmeram — die unsichtbare Liste
Es gibt Auftritte, die sind Konzerte. Und es gibt Auftritte, die sind Architektur. Wenn Peter Maffay am Donnerstagabend im Innenhof von Schloss Emmeram in Regensburg spielt, vor viertausend Menschen, die Tickets bezahlt haben, die nach Aussagen der Besucher üppig sind und über die anschließend geklagt wird, dann ist das beides zugleich: Ein Rocksänger beendet seine Tournee „Love Places", angeblich die letzte. Und eine Hausherrin empfängt Gäste in Räumen, deren zweiter Saal ein anderer ist als der erste.
Diese Hausherrin ist Gloria von Thurn und Taxis, Chefin der Schlossfestspiele und seit Jahrzehnten eine Figur, an der sich zeigen lässt, wie sich kulturelle Infrastruktur und politische Symbolik in einer Person verbinden lassen, ohne dass das Publikum der einen Hälfte davon Notiz nehmen müsste. Die andere Hälfte ist dokumentiert.
Dokumentiert ist, dass sie 2001 im deutschen Fernsehen über die Ausbreitung der Aidsepidemie in Afrika sagte, der Schwarze „schnackselt gerne". Dokumentiert ist, dass sie 2018 in einer Zeitungsglosse die gleichgeschlechtliche Ehe als Zeit beschrieb, in der der „Teufel fröhliche Urständ" feiere, und dass ihr gegen Homosexualität „nur beten" half. Dokumentiert ist ihre Rede auf einer Demonstration, die von der AfD-Politikerin Beatrix von Storch mitorganisiert wurde. Dokumentiert ist der Empfang des US-amerikanischen Rechtsradikalen Steve Bannon auf Schloss Emmeram. Dokumentiert ist, dass der AfD-Politiker Maximilian Krah, zeitweise auch der eigenen Partei zu rechtsradikal, Gast auf den Schlossfestspielen war und von der Hausherrin als „intelligent" und „inspirierend" beschrieben wurde. Und dokumentiert ist, dass rechte Netzwerker, die auf Emmeram verkehrten, später am sogenannten Potsdamer Treffen teilnahmen, jenem Treffen, bei dem über die Vertreibung von Millionen Menschen aus Deutschland gesprochen wurde.
Diese Dokumentation ist keine Recherche. Sie liegt offen. Man muss nur hinschauen. Die Frage ist, warum so wenige hinschauen, wenn der Vorhang sich hebt.
Im vergangenen Jahr hatte es bei den Schlossfestspielen einen kurzen Akt des Widerstands gegeben. Die Sängerin Vicky Leandros erfuhr kurz vor ihrem Auftritt, dass die Hausherrin ihre Freundin Alice Weidel, inzwischen Kanzlerkandidatin der AfD, ins Publikum eingeladen hatte. Leandros sagte: nicht mit mir. Draußen wurde demonstriert. Drinnen verbrachte Weidel den Abend in privaten Räumen des Schlosses, deren Zahl mit mehr als fünfhundert angegeben wird — eine Zahl, die beiläufig die Geographie der Macht auf Emmeram beschreibt: Es gibt das, was alle sehen, und es gibt das, was nur Gäste sehen.
Peter Maffay hat diesen Schritt nicht getan. Auf Anfrage der taz zu den Vorwürfen gegen die Hausherrin hat er nicht öffentlich geantwortet. Schweigen, auf einer Bühne, ist immer auch eine Position.
Die Symbolik wäre leicht zu entschlüsseln. Maffay ist der Rekordrocker der Bundesrepublik, der Mann, der mit Tabaluga einer Generation einen Drachen gegeben hat, der das Gute verteidigt. Er ist eine moralische Adresse. Wenn diese Adresse auf einer Bühne steht, deren Hausherrin für die genannten Aussagen und Verbindungen bekannt ist, dann ist das ein Statement, auch wenn keines gesprochen wird. Es ist ein Statement über die Grenzen dessen, was im eigenen Haus noch sagbar ist.
Die Ökonomie hinter diesem Statement ist nicht zu unterschätzen. Die Schlossfestspiele sind ein Wirtschaftsfaktor: Touristen, Technik, Hotelbetten, lokale Gastronomie. Die Hausherrin investiert in das Format, das Format investiert in sie. Wer Tickets kauft, zahlt nicht nur für einen Abend mit Maffays E-Gitarre und seinem tätowierten Oberarm auf dem Werbeplakat. Er zahlt für ein Setting, für die symbolische Miete eines Ortsnamens, der für sich schon ein Versprechen enthält: Hier geht es um Größe, um Geschichte, um ein Oben.
Was die Hausherrin an diesem Abend hat, liegt auf der Hand. Sie hat Normalisierung. Sie hat einen Abend, an dem auf ihrem Schloss nicht das passiert, was im Vorjahr passierte. Kein Sänger sagt einer Politikerin, sie sei nicht willkommen. Stattdessen wird applaudiert, werden Lieder gesungen, wird eine Abschiedstour gefeiert. Die Plattform, die Thurn und Taxis rechten Akteuren bietet — Vernetzung, Empfänge, Bühne — wird in diesem Sommer nicht gestört. Sie wird gespielt. Von einem Sänger, der im eigenen Publikum als integer gilt.
Was hat Peter Maffay? Einen weiteren großen Auftritt in seinem letzten Tourjahr. Ein Publikum, das ihn feiert und dafür Eintrittspreise akzeptiert. Die Bühne, die er immer haben wollte, das Stadion, den Schlosshof. Keinen Skandal, der ihm anhaftet, weil er keinen Satz gesagt hat, der anhaften könnte.
Die Inszenierung gehört niemandem, weil sie allen gehört, und gerade deshalb funktioniert sie. Wer an diesem Abend in Regensburg war, wird am Ende sagen, dass Maffay ein gutes Konzert gegeben habe. Das ist auch wahr. Wer an diesem Abend in Regensburg war, hat aber auch an einem anderen Konzert teilgenommen, einem, das seit zwanzig Jahren läuft und das an diesem Juliabend eines seiner lautesten Stücke gespielt hat: dem Konzert der Selbstverständlichkeit. Das Publikum ist dabei nicht Zuschauer, es ist die Stelle, an der entschieden wird, was als normal gilt. Und normal ist an diesem Abend: ein Rocker auf einem Schloss, dessen Chefin so ist, wie sie ist.
Maffay, könnte man sagen, hat nur seine Musik gemacht. Das stimmt. Nur seine Musik hat er gemacht, auf einer Bühne, die ihm gegeben wurde. Dass ihm diese Bühne von einer Hand gereicht wurde, deren andere Hand Steve Bannon begrüßt und Alice Weidel eingeladen hat, das gehört zu den Dingen, die ein Sänger nicht wissen muss, um aufzutreten. Es gehört zu den Dingen, die ein Publikum wissen könnte, bevor es applaudiert.
Der Abend in Regensburg war ein gutes Konzert. Er war auch ein Mechanismus. Beides schließt sich gerade nicht aus, und genau deshalb ist die Mechanik so schwer zu greifen. Man kann gegen sie kaum protestieren, weil sie als Konzert funktioniert. Und als Konzert funktioniert sie nur, weil das Publikum das Schloss nicht mitliest, wenn es die Bühne liest. Am Ende applaudiert es dem Drachen, der das Gute verteidigt, in einem Hof, in dem das Gute seit langem verhandelt wird.