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Stephens Schild: Wie ein Bibelzitat die Plattner-Anschuldigung umrahmte

17. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Jenny Racicot schilderte am 6. Juli 2026 in drei Interviews mit Politico, was in einer Wohnung in Maine im Jahr 2021 geschehen sein soll. Der damalige demokratische Senatsbewerber Graham Platner, so ihr Bericht, sei „almost blackout drunk" in ihr Haus eingedrungen und habe sie vergewaltigt, obwohl sie mehrfach gesagt habe, er solle aufhören. Platner wies die Vorwürfe in dem Bericht zurück. Ein knappes Dutzend prominenter Demokraten — darunter Senator Bernie Sanders — forderte ihn zum Rückzug auf. Platner zog sich aus dem Rennen zurück.

In dieselbe Bresche schlug Stephen King, der in Maine lebt, am Tag des Politico-Berichts zunächst nicht. Auf X schrieb der Autor: „Graham Platner may drop out. (I hope he doesn't, but.) Meanwhile, the Abuser in Chief just keeps on keepin' on." Mit „Abuser in Chief" war Präsident Donald Trump gemeint. King hatte bereits am 9. Juni nach der Primary in Maine auf Bluesky gepostet: „I voted for Platner." Das war kein neutraler Beobachter. Das war ein Fürsprecher mit Reichweite im zweistelligen Millionenbereich.

Was dann folgte, war der Stresstest für Kings Ruf als moralischer Kommentator. In einem weiteren Post, ohne Klammer, ohne Wenn und Aber: „Tell you what — if you knew the whole truth about everyone in the Senate and House of Reps, those chambers would be dead empty. Jesus said, 'Let him without sin cast the first stone.'"

Der Screenshot wanderte über Threads, Bluesky und X. Snopes-Leser schrieben der Redaktion und fragten, ob der Post echt sei. Die Faktenprüfer antworteten mit dem Prädikat „Correct Attribution". Das Zitat ist echt. Es steht auf Kings Account, mit seinem Namen, zu seinem Zeitpunkt. Was die Einordnung „Correct Attribution" leistet — und was sie nicht leistet — ist die eigentliche Frage dieses Vorgangs. Sie attestiert Urheberschaft. Sie attestiert keine Verantwortung.

Die Mechanik des Posts ist so alt wie die Bergpredigt. Ein konkreter Vorwurf — Vergewaltigung — wird in ein Universalgemälde eingebettet: Alle sind schuldig, niemand soll urteilen. Das ist keine Verteidigung. Die wäre zu direkt. Es ist eine Auflösung. Der Einzelfall verschwindet im Nebel einer alle umfassenden Sündhaftigkeit. Der Vers aus Johannes 8,7 richtet sich an eine Meute, die eine beim Ehebruch ertappte Frau steinigen will. King aber zitiert ihn im Kontext einer Vergewaltigungsanklage, zwei Sätze nachdem er Trump den „Abuser in Chief" genannt hat. Die suggerierte Hierarchie: Wenn alle gleich schlecht sind, wiegt der Einzelfall weniger. Das ist Rhetorik als Säurebad.

Fox News dokumentierte, dass King den ersten Post wieder löschte. Die Klarstellung folgte auf demselben Kanal: „Not defending Graham Platner. If he committed rape, he should bow out. Just making a comparison." Der Vergleich — darauf läuft es hinaus. Kevin Dalton brachte es auf den Punkt: „After severe backlash from clearly defending Graham Platner, Stephen King now thinks rape is bad and Platner should drop out." Der Podcaster Alec Lace ergänzte, King sei offenbar auch mit dem Totenkopf-Tattoo, den Rape-Fantasien und dem Sexting-Verhalten seines Kandidaten einverstanden gewesen. Paul D. Thacker notierte trocken, dies sei der Vergleich, den King nun ziehe.

Plattners Vorgeschichte macht die Positionierung prekär. Eine New-York-Times-Recherche wenige Wochen vor dem Politico-Bericht hatte bereits mehrere Frauen zitiert. Lindsey Fifield, eine frühere Partnerin, widersprach Platners Darstellung zu einem Totenkopf-Tattoo auf seiner Brust — ein Symbol, das gemeinhin mit der Schutzstaffel der NSDAP in Verbindung gebracht wird. Es gab Sexting-Vorwürfe, Berichte über sein Verhalten auf Online-Plattformen. „Just making a comparison" traf damit nicht auf eine unbeschriebene Weste.

Snopes stuft das Zitat als korrekt attribuiert ein. Das ist die Faktenlage, mit der Snopes operiert: Identifikation der Quelle, Datierung, Plattform. Wer das Zitat verwendet — ob als Verteidigung Kings oder als Belastung — muss verstehen, was ein Faktcheck misst und was nicht. Ein Faktcheck prüft, ob die Worte fielen. Er prüft nicht, ob die Worte das richtige Gewicht haben, und er prüft nicht, warum sie zur fraglichen Stunde fallen.

King hat am Ende nicht geleugnet, sondern umformuliert. Der Hinweis auf Jesus ist keine Unschuldsvermutung. Es ist ein Schutzschild aus einem Jahrtausend älteren Buch, aufgestellt in jenem Moment, in dem ein Senatsrennen gerade kippt. Die Frage, die Snopes nicht beantwortet und die dieser Vorgang aufwirft: Wem nützt dieser Schild — der Frau, die ausgesagt hat, dem Autor, dem Kandidaten, oder niemandem?

So landet ein Vers aus dem Johannesevangelium in den Drähten eines Wahlkampfs in Maine. Hochfrequenz gehört, niedrigfrequenz eingeordnet. Wer zuhört, hört Relativierung. Wer weghört, hört nur einen frommen Satz.

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