Wenn die Quelle schweigt: Ein Bericht über das Nichts
Es gibt Dossiers, die enthalten Fakten. Es gibt Dossiers, die enthalten Vermutungen. Und es gibt Dossiers, die enthalten nichts — und gerade deshalb eine Geschichte wert sind. Heute legen wir ein solches Dossier auf den Tisch.
Die Quelle, die uns in diesen Tagen erreichte, auf Wegen, die wir aus Gründen des Quellenschutzes nicht benennen, hat keinen Inhalt. Wir präzisieren: Sie enthält keinen Hinweis, keine Zahl, kein Datum, keinen Namen, kein Zitat, keine Behauptung, die sich überprüfen ließe. Sie enthält die Signatur einer Abwesenheit. Man legt sie gegen das Licht, wie man Banknoten legt, um die Wasserzeichen zu prüfen — und sieht nichts.
Wir haben sie nicht verworfen. Eine Zeitung dieses Hauses wirft nichts weg, bevor sie nicht geprüft hat. Wir haben sie gelesen. Wir haben sie wieder gelesen. Wir haben sie geräuchert, wie man Dokumente räuchert, in der Hoffnung auf unsichtbare Schriften. Das Ergebnis bleibt: kein Inhalt. Kein Hinweis. Kein Beleg.
Damit stehen wir vor einer ungewöhnlichen Lage. Die Leser dieser Zeitung erwarten, zu Recht, einen Bericht. Wir liefern einen — über die Abwesenheit eines Berichts. Wir liefern eine Erklärung, warum wir an dieser Stelle keine Behauptung drucken, obwohl eine Behauptung druckfertig vorliegen könnte, wenn wir nur wollten.
Denn die Versuchung ist beträchtlich. Die Versuchung, ein Vakuum zu füllen, ist die älteste Versuchung des journalistischen Handwerks. Man nehme eine Leere, projiziere ein Gespenst hinein, und man hat seine Schlagzeile. Die Geschichte der Presse ist zu weiten Teilen die Geschichte dieser Verführung. Wir haben sie zu oft beobachtet. Wir haben, an anderen Orten, in anderen Funktionen, Männern zugesehen, die diese Verführung meisterhaft beherrschten — die mit gefalteten Händen und geübtem Lächeln eine Geste der Offenheit inszenierten, während die eigentliche Mitteilung längst in einem verschlossenen Raum lag.
Wir verweigern uns dieser Geste. Nicht aus Tugend — Tugend ist in den Räumen, in denen wir uns bewegen, eine Währung, die nicht akzeptiert wird. Sondern aus handwerklicher Disziplin. Eine Meldung ohne Quelle ist in unserem Haus ein Gerücht. Und ein Gerücht, das in diesen Tagen in Umlauf gesetzt wird, ist selten harmlos.
Die Quelle, die uns erreichte, ist nicht verifiziert. Wir können nicht bestätigen, dass sie echt ist. Wir können nicht bestätigen, dass sie von der Stelle stammt, die sie zu sein behauptet. Wir können nicht einmal bestätigen, dass das, was fehlt, tatsächlich fehlt und nicht anderswo ergänzt werden soll. Alles, was wir mit Sicherheit sagen können, ist dies: Wir haben ein Dokument erhalten. Das Dokument enthält keine überprüfbaren Aussagen. Mehr liegt zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vor.
Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, dies zu erfahren. Sie hat ein Recht darauf zu wissen, dass derzeit ein Material kursiert, das als Information daherkommt, aber keine Information enthält. Sie hat ein Recht darauf zu wissen, dass wir es nicht verwenden werden. Sie hat insbesondere ein Recht darauf zu wissen, dass wir nicht die Absicht haben, die Leere aufzufüllen — nicht heute, nicht morgen, nicht in der Geschwindigkeit, die der Markt verlangt.
Was bleibt? Es bleibt der erste Satz einer Akte, die noch nicht geschrieben ist. Es bleibt die nüchterne Notiz, dass uns ein Dokument zuging, das nichts enthält. Es bleibt die unbeantwortete Frage, welchen Wert ein solches Dokument haben könnte — eine Frage, die wir an dieser Stelle nicht beantworten, weil uns jede Antwort fehlt, die wir verantworten könnten.
Die Welt, verehrte Leserinnen und Leser, ist voller Papiere. Die meisten davon sind leer. Wir werden erst dann drucken, wenn sie es nicht mehr sind. Bis dahin halten wir die Stellung — mit Handschuhen, versteht sich, und mit der Geduld einer Frau, die bereits zu viele Verträge hat zerreißen sehen.