208.000 und die seltsame Ruhe der Zahlen
208.000 Amerikaner meldeten sich in der vergangenen Woche erstmals arbeitslos — ein Wert nahe dem Allzeit-Tief, wie das US-Arbeitsministerium mitteilte. Die fortlaufenden Ansprüche sanken auf 1,805 Millionen. Beide Werte deuten, so die offizielle Lesart, auf einen Arbeitsmarkt ohne Stresssignale hin. Wer die Schultern zuckt, könnte glauben, der größte Arbeitsmarkt der Welt laufe reibungslos. Wer genauer hinsieht, bemerkt, dass Reibungslosigkeit nicht dasselbe ist wie Bewegung.
Die Analysten haben für den Zustand eine prägnante Formel gefunden: „slow hire, no fire". Langsam einstellen, niemanden entlassen. Eine Wirtschaft, die ihre Belegschaften hält, ohne sie zu erweitern. Die jüngsten Payroll-Daten, also die außerlandwirtschaftlichen Beschäftigungszahlen, signalisieren ein schwächeres Wachstum. Es wird nicht abgebaut, aber es wird auch nicht aufgebaut. Die Maschine brummt, aber die Räder stehen still. Es ist, als hätte jemand dem Markt eine Spritze Beruhigungsmittel verabreicht und das Protokoll nicht in die Akten aufgenommen.
Man darf das als Erholung bezeichnen. 208.000 Erstanträge sind kein Krisenwert. 1,805 Millionen fortlaufende Ansprüche sind kein Krisenwert. Die offiziellen Stimmen — Ministerien, Notenbank, die üblichen Kommentatoren — betonen, dass der Arbeitsmarkt keine Stresssignale zeige. Es ist das Vokabular der Beruhigung, sorgfältig gewählt, höflich wiederholt, Woche für Woche, bis die Wiederholung selbst zur Substanz wird.
In den Räumen, in denen solche Zahlen entstehen, habe ich eine bestimmte Art des Schweigens kennengelernt. Es ist nicht das Schweigen des Einverständnisses, und es ist nicht das Schweigen des Protests. Es ist das Schweigen der Gewohnheit — das Schweigen von Menschen, die aufgehört haben, das Offensichtliche in Worte zu fassen, weil das Offensichtliche inzwischen als unangemessen gilt. 208.000 ist keine schlechte Zahl. 208.000 ist nur eine Zahl, die verdächtig gut dasteht, gemessen an einer Wirtschaft, deren Wachstum längst nicht mehr in die Höhe zeigt, sondern zur Seite.
Die Pointe dieser Daten liegt nicht in den Werten selbst, sondern in dem, was sie verschweigen. Unternehmen stellen nicht ein. Unternehmen entlassen nicht. Die Federal Reserve beobachtet, die Märkte beobachten, die Kommentatoren beobachten. Es ist eine Übung der kollektiven Disziplin, eine Choreografie des Stillhalts, bei der jeder Beteiligte seine Rolle kennt und niemand den ersten Schritt macht. Es ist die Ökonomie als höfliches Bankett, bei dem alle wissen, dass das Menü dünn ist, aber niemand das Besteck klirren lässt. Und wer dennoch klingt, wird darauf hingewiesen, dass dies unpassend sei.
Vorerst fallen die Erstanträge. Vorerst fallen die fortlaufenden Ansprüche. Vorerst deutet nichts darauf hin, dass sich an dieser Konstellation etwas ändert. Eine Volkswirtschaft, die weder wächst noch schrumpft, weder Stellen schafft noch abbaut, ist irgendwann keine Volkswirtschaft mehr. Sie ist ein Museum — gut beleuchtet, von jedermann bewundert, von niemandem betreten.
Bis die Tür aufgeht.
Vera Kastner schreibt für die Terminal Tribune.