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Der Pate von Blaby und seine zwei Candy Corners

18. Juli 2026 — — — M. Silber

Blaby, Leicestershire. Sechstausend Seelen, eine Hauptstraße, zwei Süßwarenläden namens Candy Corner — und ein Mann, der in Frankreich bereits verurteilt wurde, weil er wochenweise hunderttausend Pfund mit dem Einschleusen von Menschen nach Großbritannien verdient haben soll. Die BBC hat ihn aufgespürt. Er nennt sich jetzt anders, fährt ein Auto ohne Kennzeichen, und steht neben dem Wahlkreisbüro des örtlichen konservativen Abgeordneten hinter der Theke.

Twana Jamal. Irakischer Staatsbürger. Geboren 1980, nach Angaben französischer Ermittler. Im Jahr 2016 verurteilte ihn ein französisches Gericht zu fünf Jahren Haft, weil er vom Lager Grand Synthe bei Dünkirchen aus die Überfahrten organisiert haben soll. Vierhundert bis fünfhundert britische Pfund nahm er pro Person, hieß es damals, für eine Passage nach England. Ein Geschäft, das ihn nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft reich machte, sehr reich. Die Polizei nannte ihn den „erfolgreichsten" Schleuser ihrer Ermittlungsgeschichte. Den „Paten" der französischen Lagercamps.

Heute sitzt er in einem Dorf in den East Midlands, das außerhalb Großbritanniens kaum jemand auf der Karte findet. Er führt mit seinem Bruder einen Vape-Laden, gleich nebenan einen Süßwarenladen, beide tragen denselben Namen. Der BBC liegt Videomaterial vor, das ihn tagelang beim Verkauf hinter der Ladentheke zeigt. Auf die Frage, ob er hier arbeite, sagt er nein. Auf die Frage nach seiner Verurteilung sagt er, davon wisse er nichts. Er sei „fast zwanzig Jahre" in Großbritannien, sagt er. Er warte noch auf seinen Asylbescheid.

Dann der Satz, der in jedem Redaktionsraum Londons hängen bleiben müsste: „Niemand fasst uns hier an. Nicht mal die Polizei." Das sagte er am Telefon zu einem Journalisten, bevor man ihm gegenüberstand. Eine Stadt, so sagt er, gehöre ihnen. Man mache „gutes Geld". Es gebe Arbeit, etwa Zigaretten aus einem Lager zu „bewegen". Die BBC dokumentiert dies. Die Anwohner in Blaby reagieren empört. Die Läden sind inzwischen geschlossen.

Man darf das ruhig zweimal lesen. Ein wegen Menschenschmuggels verurteilter Ausländer betreibt im Vereinigten Königreich zwei Geschäfte, während sein Asylantrag läuft. Er fährt ohne Kennzeichen. Er benutzt möglicherweise einen falschen Namen. Und sein Laden grenzt direkt an das Büro eines Parlamentariers der Regierungspartei.

Die BBC berichtet, dies sei kein Einzelfall. Man habe bislang mehr als zwanzig bekannte aktive Schleuser im Vereinigten Königreich identifiziert. Zwanzig bekannte. Die unbekannten zählt niemand.

Was bedeutet das konkret? Großbritanniens Asylsystem, das ohnehin unter Druck steht, soll zwischen schutzbedürftigen Menschen und kriminellen Netzwerken unterscheiden. Genau diese Unterscheidung scheint im Fall Jamal über Jahre hinweg nicht stattgefunden zu haben. Eine fünfjährige Haftstrafe aus Frankreich, öffentlich zugänglich, von den französischen Behörden dokumentiert, von der Polizei als „Pate" betitelt — und die britischen Stellen prüften offenbar nichts davon, bevor sie einen Aufenthalt duldeten. Ob Behördenversagen oder bewusstes Wegsehen, werden die Untersuchungen zeigen müssen. Fest steht: Wer einmal drin ist, bleibt drin.

Für die Menschen, die ich in Wien beraten habe, bedeutet dieser Vorgang das Ende einer Legende. Jahrelang hieß es, Großbritannien kontrolliere seine Grenzen, sortiere sorgfältig zwischen Wirtschaftsmigration und echter Schutzsuche. Die Realität in Blaby sieht anders aus. Dort entscheidet offenbar weder ein Richter noch ein Sachbearbeiter, wer einreist und wer bleibt — sondern wer zuerst kommt und sich „Candy Corner" auf das Schild schreibt.

Die Anwohner von Blaby haben ein Recht auf Antworten. Ihr Wahlkreisabgeordneter hat ein Büro, das jetzt neben einem leeren Geschäft liegt. Und zwanzig weitere bekannte Fälle warten darauf, dass jemand den Fernseher anschaltet und die Polizei vorbeischickt.

Mein Koffer steht unter dem Schreibtisch. Für alle Fälle.

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