Sturmwarnung: Ein Experte sieht eine Depression schlimmer als 2008
Die Zahlen sind nicht dramatisch. Die Zahlen sind monoton. Und gerade deshalb, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung, sollten sie uns das Fürchten lehren.
Professor Heinrich Voss, Makroökonom an der Universität Wien, hat in einem Interview eine Prognose ausgesprochen, die in der Branche Wellen schlägt: Er erwartet einen wirtschaftlichen Zusammenbruch, den er als "eine Depression schlimmer als 2008" bezeichnet. Nicht eine Rezession, nicht eine Korrektur. Eine Depression.
Was heißt das? 2008 fraß Billionen an Vermögen, kostete Millionen Menschen ihre Arbeit, ihre Wohnungen, ihre Altersvorsorge. Eine Depression in diesem Ausmaß, sagt Voss, sei "ein Versagen der Architektur, nicht der Wände". Die Architektur — das sind die Rahmenbedingungen, die wir uns gegeben haben: Geldpolitik, Schuldenregeln, Bankenaufsicht, soziale Sicherungssysteme. Diese Architektur sei bereits 2008 an ihre Belastungsgrenzen gekommen. Was jetzt komme, sei eine zweite Belastung — und diesmal ohne die Rettungsgurte, die 2008 noch griffen.
Die Rettungsgurte 2008, das waren staatliche Konjunkturprogramme und Zinssenkungen bis fast auf null. Achtzehn Jahre später, sagt Voss, sei der Gurt aufgebraucht. Die Munition verschossen.
Was also kommt? Voss skizziert drei Szenarien. Im günstigsten Fall eine Rezession, hart, aber begrenzt. Im mittleren Fall eine ausgewachsene Wirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit und deflationären Tendenzen. Im schlimmsten Fall — und das ist sein Wort, nicht meines — die Depression.
Wer ist dieser Mann? Ein Ökonom, der 2008 rechtzeitig gewarnt hat, sagen seine Anhänger. Ein Spielverderber, der die Märkte verunsichere, sagen seine Kritiker. Die Wahrheit — und ich sage das mit der Müdigkeit eines Reporters, der zu viele Prognosen hat platzen sehen — liegt wahrscheinlich in der Mitte. Aber hören wir genauer hin.
Voss nennt mehrere konkrete Risikofaktoren. Erstens: Die Verschuldung der Staaten habe ein Niveau erreicht, das selbst 2008 nicht gekannt wurde. Die Ausrede, man könne im Notfall mit neuen Schulden nachhelfen, gelte nicht mehr. Zweitens: Die Verschuldung der Unternehmen sei historisch hoch und anfällig. Drittens: Die Immobilienmärkte zeigten Blasenbildungen, die 2008 in nichts nachstünden. Viertens: Die geopolitische Lage — Handelskonflikte, Sanktionen, militärische Spannungen — sei so instabil wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Fünftens: Die Zentralbanken, die einst als Feuerwehr fungierten, seien jetzt Teil des Brandes.
Fünf Faktoren. Jeder einzelne für sich genommen beherrschbar. In Kombination, sagt Voss, potenzierten sie sich.
Was bedeutet das für normale Menschen? Ich habe Voss genau diese Frage gestellt. Seine Antwort: Sparbuch, Schuldenfreiheit, geringe Abhängigkeit von Finanzmärkten. Wer heute einen variabel verzinsten Kredit habe, solle prüfen, wie er ihn in einen fixen umwandle. Wer eine Lebensversicherung mit Garantiezins habe, solle wissen, wie lange der Garantiegeber noch stehe. Wer auf Aktienquote im Alter setze, solle sich fragen, wie viel Verlust er psychologisch durchhalten könne.
Das ist keine Panikmache. Das ist Hausverstand. Aber es zeigt, wen es zuerst treffen wird: Diejenigen, die sich keine unabhängige Beratung leisten können. Diejenigen, deren Arbeit an zyklischen Industrien hängt. Diejenigen, die keine Reserven haben.
Und hier wird es politisch. Denn eine Depression ist kein Naturereignis. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen — oder deren Unterlassen. Die Frage ist nicht, ob der Zusammenbruch kommt, sondern was die Regierungen tun werden, wenn er kommt.
Voss benennt mehrere politische Antworten, die er für notwendig hält: Eine automatische Stabilisierung, die in schlechten Zeiten Konjunktur stützt, ohne dass der Politiker erst entscheiden muss. Eine Schuldenbremse, die in guten Zeiten tatsächlich greift. Eine Reform der internationalen Finanzarchitektur, damit nicht einzelne Länder zu Zahlmeistern werden. Eine Regulierung der Schattenbanken, die 2008 nicht im Fokus standen. Und — das sagt er mit besonderem Nachdruck — ein sozialer Ausgleich, der die Kosten einer Krise nicht auf die Schwächsten abwälzt.
Das ist der entscheidende Punkt. Eine Depression ist nicht nur eine wirtschaftliche Kategorie. Sie ist eine moralische. Sie ist die Frage, welche Schulden wir bereit sind zu tragen — und wessen Schulden das sein dürfen.
2008 wiederholte ein Muster: Die Banken wurden gerettet. Die Sparer trugen die Kosten. Diesmal, sagt Voss, werde dieses Muster nicht mehr funktionieren — weil die Reserven fehlen.
Wer verliert? Die Mittelschicht, die ihre Reserven verbraucht. Die Jungen, die keinen Einstieg finden. Die Alten, deren Renten entwertet werden. Wer gewinnt? Die Besitzer von Sachwerten in stabilen Rechtsräumen. Die Schuldner großer Schulden in eigener Währung.
Aber, sagt Voss, das funktioniere nur, wenn die Demokratien handlungsfähig bleiben. Die Gefahr, die er sieht, ist nicht nur ökonomisch. Sie ist politisch. Eine Depression, schlimmer als 2008, trifft auf Regime, die bereits unter Druck stehen. Die Versuchung, den Sündenbock zu suchen — den Ausländer, den Migranten, den Finanzjongleur — sei dann übermächtig.
Das ist die Warnung, die in der Warnung steckt.
Zum Schluss die Frage, die Voss mir nicht beantworten konnte: Was hat er übersehen? Jede Prognose hat blinde Flecken. Was übersieht Voss?
Vielleicht die Möglichkeit, dass die Märkte sich selbst korrigieren. Vielleicht die Möglichkeit, dass die Politik schneller handelt, als er befürchtet. Vielleicht die Möglichkeit, dass ein Ereignis eintritt, das alles über den Haufen wirft.
Oder vielleicht — und das ist der Pessimismus eines alten Reporters — der blinde Fleck ist genau dort, wo wir alle hinsehen: Auf den Zahlen, die wir messen können. Und nicht auf den Strukturen, die wir nicht messen.
Die Pfeife ist kalt geworden. Der Kaffee auch. Morgen werden die Börsen öffnen, und die Zahlen werden wieder monoton sein. Irgendwann werden sie es nicht mehr sein.
Die einzige Frage, die zählt: Werden wir dann antworten können?