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Tempel der Opfergaben, Bühne der Macht

18. Juli 2026 — — — Kastner

In Ayodhya, einer Stadt, die vor allem deshalb auf der Landkarte steht, weil Archäologen und Anwälte sie dorthin gesetzt haben, ist man dieser Tage mit der Buchführung beschäftigt. Nicht mit der eines Staates, nicht mit der einer Bank – mit der eines Tempels. Genauer: mit den Spenden, die Gläubige in die Opferstöcke des Ram-Mandir warfen, in der frommen Überzeugung, dass Kupfermünzen, die Götterfüßen dargebracht werden, dort auch bleiben, wo Götterfüße stehen.

Dass diese Überzeugung möglicherweise zu naiv war, darüber wird nun debattiert – aber nicht allein in der Sprache frommer Entrüstung, sondern in der Sprache derer, die wissen, wie man Entrüstung politisch verwertet. Die Regierung von Uttar Pradesh hat ein dreiköpfiges Special Investigation Team eingesetzt, um möglichen Unregelmäßigkeiten bei den Spenden an den Ram-Tempel-Treuhand nachzugehen. Allein dieser Satz enthält mehrere Hinweise darauf, was hier nicht – und was sehr wohl – untersucht wird.

Der ehemalige BJP-Abgeordnete Vinay Katiyar, einst eine Schlüsselfigur der Ram-Tempel-Bewegung, nannte die Angelegenheit "sehr ernst". Einige der mit der Führung des Treuhands betrauten Personen seien "Diebe", sagte er – und wer die grammatische Doppelbödigkeit dieses Satzes überhört, hat die indische Politik nicht verstanden. Katiyar sprach als Mann der Bewegung. Er sprach zugleich als jemand, der weiß, dass die BJP den Tempel nicht nur als Bauwerk besitzt, sondern als Beweisstück: Beleg einer politischen Vergangenheit, die sich weder dementieren noch vollenden lässt.

Akhilesh Yadav, Präsident der Samajwadi Party, wählte eine andere Tonart. Was in Ayodhya geschehe, sei eine "Beleidigung des Sanatana Dharma", sagte er – eine Anklage, die nichts mit Buchführung zu tun hat und alles mit der Frage, wem die Deutungshoheit über das Heilige zusteht. Yadavs Analyse geht weiter: Er sieht hinter der Einsetzung des SIT einen internen Machtkampf der BJP. Wäre die Angelegenheit eine Sache für die Enforcement Directorate, das CBI oder die Income Tax, hätte Delhi ermittelt. Dass Lucknow vorgreife, sei der Beleg.

Diese Lesart ist bemerkenswert, weil sie den Untersuchungsort selbst zum Indiz umdeutet. Der Umstand, dass es eine föderale Struktur gibt, wird zur Erzählung umgeschrieben – nicht weil sie falsch sein muss, sondern weil sie nützlich ist. Wer die Aufklärung als parteipolitisches Manöver der jeweils anderen Seite interpretiert, hat bereits gewonnen: Dann ist nicht mehr entscheidend, was gefunden wird, sondern wessen Deutung zuerst Gehör findet.

Der Kongress schlug in dieselbe Kerbe. Abhishek Singhvi sprach von einem "Fragezeichen" hinter Glauben, Verantwortlichkeit und Vertrauen. Die BJP, so Singhvi, habe politische Dividenden aus dem Tempel gezogen und könne sich jetzt nicht der Verantwortung entziehen. Ajay Rai, Präsident des UP-Kongressausschusses, wandte sich in einem Brief direkt an Premierminister Narendra Modi: Wer Bau und Einweihung des Tempels als nationale Errungenschaft präsentiert habe, müsse auch die Verantwortung für die Vorwürfe übernehmen.

Was hier stattfindet, lässt sich mit einer einzigen Frage zusammenfassen: Wem gehört der Tempel – dem Glauben, der Partei, dem Staat? Die Antworten, die gegeben werden, sind nicht theologischer Natur. Sie sind buchhalterisch, juristisch und vor allem: wahlkampftauglich.

Die VHP reagierte mit einer bemerkenswerten Volte. Anstatt die SIT-Arbeit zu unterstützen, forderte sie die Ermittler auf, die Oppositionspolitiker zu befragen, die ihrerseits Vorwürfe gegen das Treuhand erhoben hatten. Wer Diebe jage, müsse zuerst die Jäger der Diebe verhören. So wird aus einer Untersuchung ein Spiegelkabinett.

Yadav seinerseits behauptet, die BJP habe durch den Skandal "weltweit an Glaubwürdigkeit verloren". Internationale Investoren zögen sich zurück, weil eine Regierung, die nicht einmal die Opferstöcke der eigenen Götter verschone, erst recht nicht das Geld ihrer Anleger schützen werde. Dies ist kein ökonomisches Argument – es ist ein Glaubwürdigkeitsangriff, der auf einer Analogie beruht. Ob die Analogie trägt, ist eine Frage, die in Indien derzeit niemand stellt, weil alle mit dem Stellen beschäftigt sind.

Der Besuch des BJP-Bundesvorsitzenden Nitin Nabin in Lucknow wird von Yadav als Zeichen des Konflikts zwischen Parteiorganisation und Staatsregierung gedeutet. "Als ihr nationaler Präsident kam, hatte Lucknow Ausgangssperre", sagte er – ein Satz, der die rituelle Inszenierung politischer Machtvisiten als Beleg für bürgerkriegsähnliche Zustände umdeutet.

Was die Beteiligten eint, ist die Sprache: Sie alle sprechen von Glauben, Verantwortung und Heiligem. Was sie trennt, ist die Frage, wessen Instrumentalisierung jeweils die andere Seite denunziert – während man die eigene für Aufklärung hält.

In Genf habe ich Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden, und Männer, die lächelten, während sie logen. Was mich damals überraschte, war nicht die Lüge – sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgetragen wurde. In Ayodhya, so scheint es, ist es nicht anders. Nur die Bühne ist eine andere: ein Tempel, dessen Opferstöcke längst nicht mehr nur Kupfer enthalten – sondern auch Stimmen, Mandate und das Versprechen, dass das Heilige politisch verwertbar bleibt.

Man trägt Handschuhe beim Sortieren solcher Münzen. Auch beim Schreiben.

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