Das Erbe und seine Erben
Acht Tage. So lange hat die Demokratische Partei von Maine Zeit, einen Mann zu ersetzen, der sich selbst aus dem Spiel genommen hat. Graham Platner, im Juni mit deutlichem Vorsprung zum designierten Kandidaten für die Senatswahl gegen die republikanische Amtsinhaberin Susan Collins gekürt, erklärte vergangene Woche seinen Rücktritt, nachdem ein Vergewaltigungsvorwurf laut geworden war, den er zurückweist. Am Donnerstagabend bezogen die Bewerber, die ihm nachfolgen wollen, die Bühne einer parteiinternen Debatte — und übernahmen, mit einer seltenen Einmütigkeit, genau jene Positionen, für die Platner stehen geblieben war: die Auflösung der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, eine allgemeine Krankenversicherung, wirtschaftspolitischen Populismus, Kritik an der israelischen Regierung. Seinen Rücktrittsbrief vom 10. Juli hatte er mit den Worten „F*ck ICE" unterzeichnet; diese letzte Wendung scheint sakrosankt.
Die Größe des Bewerberfeldes schwankt mit jeder Pressemeldung zwischen fünf und acht Namen; die Zählung ist unsicher, der Befund nicht. Nach einer Übersicht des Onlinemagazins The Intercept haben sich mindestens fünf Bewerber für die Abschaffung oder das „dismantling" der Behörde ICE ausgesprochen; auf der Bühne am Donnerstag taten es, mit hörbaren Nuancen im Stil, alle. Nirav Shah, der das Center for Disease Control and Prevention in Maine von 2019 bis 2023 leitete und danach stellvertretender Direktor der Bundesbehörde CDC wurde, sprach von den „Schergen des Präsidenten" und stellte fest, die Einwanderungspolizei sei nicht mehr reformierbar — „der Verfall hat das Mark erreicht". Troy Jackson, ehemaliger Präsident des Staatssenats, sagte, er unterstütze die Strafverfolgung, aber ICE sei keine Strafverfolgung, sondern „a rogue agency". Shenna Bellows, amtierende Secretary of State des Bundesstaates, erinnerte an den erschossenen Vater, dessen dreijährige Tochter zu Hause im Schlafanzug auf ihn wartete. Jordan Wood, ehemalige Kongressmitarbeiterin der damaligen kalifornischen Abgeordneten Katie Porter, schloss sich an. Differenzierungen im Temperament, Einmütigkeit in der Sache.
Den Anlass lieferte nicht die Programmatik, sondern das, was am frühen Montagmorgen des 14. Juli in Biddeford geschah. Beamte der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE hielten ein Fahrzeug an, offenbar auf der Suche nach einer anderen Person. Johan Sebastián Durán Guerrero, 25 Jahre alt, saß am Steuer. Er war nicht das Ziel der Aktion, wie dem Büro der Abgeordneten mitgeteilt wurde. Nach Darstellung der Behörde versuchte der Fahrer zu fliehen; ein Schuss fiel, der Beamte habe aus Sorge um die öffentliche Sicherheit gefeuert. Durán Guerrero starb an der Stelle. Ermittlungen übernahmen das Büro des Generalstaatsanwalts von Maine, das FBI und der Generalinspekteur des Heimatschutzministeriums. Der junge Mann, der nach Angaben seines Vaters legal im Land lebte und als Lieferfahrer sowie in einer Tierklinik als Reinigungskraft arbeitete, hinterlässt eine Frau und ein dreijähriges Kind, wie unter anderem die New York Times berichtete. Ein Porträt, das in diesen Tagen durch die Presse geht, dreht sich weniger um die juristische Frage, wer schoss, als um die Tatsache, dass ein Familienvater mit zwei Beschäftigungsverhältnissen nicht das Ziel der Kontrolle war.
Die Proteste, die folgten, färbten auf die Debatte am Donnerstag ab — auf eine Weise, die im Hauptquartier der Partei vermutlich begrüßt, in den Sprechstellen der Bewerber mit Sorgfalt dosiert wurde. Panagioti Tsolkas, Sprecher der Maine Immigrants' Rights Coalition, sagte dem Intercept, er sei „ermutigt" vom Aufwallen der Wut unter den Bewerbern. Zugleich warnte er, es müsse mehr sein als Lippenbekenntnis, mehr als die Wachfeier, wenn man die Bühne habe. Die Verzweiflung in den Straßen Maines ist echt; die Frage, wie viel davon in Wahlprogramme eingeht und wie viel danach wieder verschwindet, ist nicht echt beantwortet, sondern nur rhetorisch gestellt.
Was am Donnerstag sichtbar wurde, war weniger eine Auseinandersetzung als eine Choreografie. Die Kandidaten unterschieden sich im kommunalen Stammbaum und im Ton. Shah sprach im Timbre des Epidemiologen, der einmal zu viel gesehen hat. Jackson kam aus dem Pathos des Staatssenats. Bellows hielt die persönliche Note, Wood die kongressnahe Sachlichkeit. Inhaltlich jedoch zeigten sie das gleiche Tableau. Die Forderung nach Auflösung der ICE, seit Jahren eine Forderung des progressiven Flügels der Partei, ist, das war am Donnerstag mit Händen zu greifen, zur Bedingung der Kandidatur geworden. Wer sich heute in Maine als Demokrat um ein Bundesamt bewirbt, kann diese Position nur mit Risiko verlassen — es könnte diejenigen verschrecken, die Platner im Juni an die Urnen trugen.
Das Bemerkenswerte ist nicht die Kontinuität. Das Bemerkenswerte ist die Geschwindigkeit. Eine Woche zwischen Rücktritt und erster Debatte; eine weitere bis zum Nominierungsparteitag am 25. Juli in Bangor. Susan Collins, die republikanische Amtsinhaberin, die seit 1996 im Senat sitzt, kann derweil zuschauen, wie die Dynamik ihres Herausforderers ohne ihr Zutun neu justiert wird. Das Bild, das sich abzeichnet, ist nicht das einer zerstrittenen Partei, sondern das einer sich beeilenden — und das ist, in der amerikanischen Grammatik der Vorwahlen, ein vertrauter Anblick: Wenn das Angebot rarer wird, greifen alle nach demselben Banner, aus Furcht, ohne es dazustehen.
Die Bewerber wissen das. Sie wissen, dass die Wählerschaft Maines die Progressive Platform goutierte, die Platner vertrat. Sie wissen, dass der Schuss von Biddeford diese Plattform nicht widerlegt, sondern verschärft hat. Sie wissen auch, dass eine Konvention in neun Tagen wenig Raum lässt für die Frage, ob die Einmütigkeit unter ihnen nur deshalb besteht, weil jeder befürchtet, als Erster zu schweigen. Es gehört zu den kleinen Ironien der Vorwahlen, dass Einmütigkeit in einem Feld von sechs Bewerbern weniger Vertrauen weckt als Verdacht — den Verdacht nämlich, die Meinungsbildung habe nicht dort stattgefunden, wo die Wähler stattgefunden haben.
Was von Platner bleibt, ist weniger der Mann als das Inventar. Die Inventur läuft. Wer am 25. Juli in Bangor als Nominee hervorgeht, wird die Plattform mitbringen, die der gestürzte Erbe hinterlassen hat — bis hin zur Schlusswendung, die er ihr mitgab. Ob die Wählerschaft dies als Treue oder als Mimikry liest, wird die Wahl im Herbst zeigen. Die Bewerber setzen alles daran, dass die Frage nicht laut gestellt wird.