Correctiv Faktencheck: Was die Quellenkritik verschweigt
Auf dem Draht erreichte mich eine Startseite mit dem Namen CORRECTIV.Faktencheck. Eine Quelle, mehr nicht. Sieben Beiträge der letzten zwei Wochen, ein Spendenaufruf, eine WhatsApp-Nummer. Das ist die Substanz. Ich übersetze.
Was die Quelle preisgibt: Sie versteht sich als Gegenmittel zu „gezielter Desinformation", die „unsere Gesellschaft spaltet, Hass verbreitet oder Geschäfte betreibt". Sie „deckt Falschinformationen, Gerüchte und Halbwahrheiten auf". Diese Sätze stehen auf der Seite. Sie sind Selbstaussagen, keine Belege.
Was die Quelle verschweigt: die Methodik. Eine Faktencheck-Redaktion, die vorgibt, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, sollte offenlegen, wie sie es tut. Wer prüft die Prüfungen? Nach welchem Standard? Mit welcher Fehlerquote? Wie werden Quellen ausgewählt, wie werden Sachverständige beigezogen, wie werden eigene Fehler korrigiert? Auf der vorliegenden Seite: nichts davon sichtbar. Die Startseite verlinkt weder ein Impressum noch eine Redaktionsordnung noch ein Transparenzdokument. Es ist, als höre man einen Sender, der seine Frequenz nicht nennt.
Die Auswahl der Themen wirft eine zweite Frage auf. Aufgelistet sind Fälle aus Politik, Russland und Ukraine, Gesellschaft und Klima. Drei Beiträge befassen sich mit Fälschungen, die Russland zugerechnet werden — ein angebliches Netzwerk von Anonymous News, ein angebliches Werbeplakat in Indien, eine angebliche Drohung Netanychus. Ein Beitrag behandelt KI-generierte Bilder von Massenprotesten vor dem Kanzleramt. Ein weiterer den angeblichen Verkauf albanischen Landes an Israel. Ein dritter einen angeblichen Hitzeschaden an einer Berliner Ampel. Die Auswahl wirkt nicht zufällig, folgt aber keinem erkennbaren Schlüssel. Welche Gerüchte werden nicht geprüft? Welche Wirtschaftszweige, welche Konzerne, welche Behörden bleiben außerhalb des Blickfelds? Die Seite antwortet nicht.
Die Finanzierung ist der dritte blinde Fleck. „Ihre Unterstützung ermöglicht unsere Arbeit", heißt es prominent. Spenden werden erbeten. Die Kleinspenderschaft ist sichtbar; die institutionelle Trägerschaft bleibt im Dunkeln. Ob Stiftungen mit politischer Ausrichtung, ob ausländische Förderung, ob privatwirtschaftliche Sponsoren — kein Hinweis auf der Startseite. Eine Organisation, die Macht prüfen will, muss ihre eigene Machtbasis offenlegen. CORRECTIV tut es nicht. Dies ist, technisch gesprochen, eine offene Antenne ohne bekannten Sender.
Zur Verifikation der Einzelfälle: Die Startseite nennt sieben Beiträge mit Datum und Überschrift, aber nicht die Begründung der jeweiligen Entkräftung. Wir können an dieser Stelle weder bestätigen noch widerlegen, dass die Schlussfolgerungen der Redaktion korrekt sind. Ohne Einblick in die Prüfschritte bleibt jeder Faktencheck eine Blackbox — ein versiegelter Kasten mit dem Etikett „wahr" oder „falsch". Das gilt für die angebliche Festnahme des Ökonomen Hans-Werner Sinn ebenso wie für den angeblichen KI-Fake eines Tagesschau-Beitrags und das angebliche Werbeplakat in Indien.
Auffällig ist zudem die Gliederung in „Faktenchecks" und eine eigene Rubrik „Gerüchtekiller". Letztere behandelt eher populäre Mythen — etwa die Behauptung, beim Schielen könnten die Augen stehen bleiben, oder die Frage, ob Spucke gegen Mückenstiche helfe. Diese Trennung zwischen harter Desinformation und Volksmund ist redaktionell interessant. Sie verrät eine Hierarchie der Themen. Welche Kriterien entscheiden, ob ein Gerücht in den „Gerüchtekiller" wandert oder in den „Faktencheck"? Wieder schweigt die Seite.
Was bleibt, ist ein Funkspruch ohne erkennbare Frequenz. Die Selbstdarstellung der Plattform ist professionell gestaltet; das Layout liest sich klar, die Überschriften sind prägnant. Die Fälle, die sie aufgreift, mögen jeder für sich korrekte Entkräftungen enthalten. Aber die Organisation als Ganze entzieht sich der Prüfung — zumindest auf Grundlage der vorliegenden Startseite. Wer ihr vertraut, vertraut einer Blackbox. Wer ihre Prüfungen nutzt, sollte wissen, dass die Maschine selbst nicht geprüft ist.
Für den aufmerksamen Leser gilt: Eine Quelle ist ein Signal, kein Fakt. Bei CORRECTIV verhält es sich nicht anders. Die kritische Haltung gegenüber Desinformation erfordert eine ebenso kritische Haltung gegenüber denjenigen, die sich ihre Prüfung zur Aufgabe machen. Wer Faktenchecks ohne Methodenoffenlegung betreibt, betreibt Behauptungen mit Gütesiegel.
Mein Büro riecht nach Lötzinn. Die Drähte summen. Dies ist die Übersetzung.