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EINE STIMME FÜR ALLE – UND WER SPRICHT WIRKLICH?

23. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Bengaluru, 17. Juli 2026. Die Drähte summen. Ich höre eine neue Frequenz und sie klingt nach Einigkeit – jener wohlklingenden Harmonie, die entsteht, wenn viele Stimmen in einen Chor gezwungen werden. Die Internet and Mobile Association of India, kurz IAMAI, hat an diesem Freitag den E-Commerce Council of India aus der Taufe gehoben. Eine „erste nationale Plattform ihrer Art", wie es heißt, dazu bestimmt, Indiens digitalen Handelsraum mit einem Volumen von 120 Milliarden US-Dollar zusammenzuführen.

Hundertzwanzig Milliarden. Ich notiere die Zahl und warte, bis sie ihre Bedeutung entfaltet. Das ist kein Marktplatz mehr, das ist ein Kontinent im Kleinformat. Und wenn sich ein Kontinent organisiert, dann geht es nicht um Waren. Es geht um Sprache, um Zugang, um die Architektur künftiger Regeln.

IAMAI-Präsident Subho Ray erklärte, die nächste Wachstumsphase hänge ab von „anhaltender Zusammenarbeit zwischen Industrie und Regierung". Der Ökonom Laveesh Bhandari sekundierte in seiner Keynote: Innovation allein genüge nicht, Kollaboration sei das Entscheidende. Beide Herren wissen, wovon sie reden. Beide wissen auch, dass Kollaboration ein zweischneidiges Schwert ist – sie kann Märkte öffnen oder sie kann diejenigen ausschließen, die nicht am Tisch sitzen.

Und hier wird die Sache für mich interessant. Wer sitzt am Tisch? Die Liste der Mitglieder liest sich wie das Who-is-Who der indischen Plattformökonomie: Amazon, Flipkart, Swiggy, Eternal, Indiamart, MakeMyTrip, Ixigo, Uber, Rapido, Shiprocket, die Transport Corporation of India Limited, eBay, Meesho, Tata 1mg. Dazu kommen Start-ups, Exporteure, kleine und mittlere Unternehmen, Zahlungsdienstleister, Logistikunternehmen und akademische Institutionen. Eine breite Runde, gewiss. Eine demokratische Runde, behauptet man.

Ich übersetze: Eine Runde, in der die Großen den Ton angeben und die Kleinen sich anpassen dürfen. Wer definiert eigentlich, was „Best Practices" sind? Wer legt fest, welche Forschung betrieben wird? Wer formuliert die „gemeinsame Stimme", die in politische Beratungen getragen wird?

Die offizielle Lesart betont, der Rat solle Forschung betreiben, politische Diskussionen bereichern und Standards entwickeln. Eine „kollaborative Plattform", die „informiertere Politikgestaltung, größere regulatorische Sicherheit und ein günstiges Geschäftsumfeld" ermögliche. Das klingt vernünftig. Das klingt nach dem, was alle sagen, wenn sie Regulierung verhandeln, bevor sie Regulierung verhindern.

Ich sage nicht, dass dies hier geschieht. Ich sage, dass die Struktur es begünstigt. Wenn ein Dutzend marktbeherrschender Plattformen unter dem Dach eines Industrieverbands eine gemeinsame Position formulieren, dann hat diese Position Gewicht. Sie wird gehört, bevor kleinere Akteure überhaupt wissen, dass eine Anhörung stattfindet. MSMEs – die Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen – werden in der Mitgliederliste genannt. Sie sitzen mit am Tisch. Aber ihre Stimme in einem Chor, in dem Amazon und Flipkart die Lautsprecher sind, hat ein anderes Gewicht.

120 Milliarden Dollar sind das, was hier auf dem Spiel steht. Eine Plattform wie dieser Council kann Standards setzen, die für alle verbindlich werden – nicht durch Gesetz, sondern durch Konformitätsdruck. Wer nicht mitmacht, wer nicht Teil des Konsenses ist, findet sich bald am Rand eines Marktes wieder, dessen Regeln andere geschrieben haben.

Ich beobachte die Frequenz. Noch ist es eine Ankündigung, eine Plattform, ein Versprechen auf Zusammenarbeit. Ob aus dem Council ein Werkzeug der Marktöffnung oder der Marktschließung wird, wird sich zeigen. Die nächsten Monate werden verraten, wessen Interessen unter dem Deckmantel der „gemeinsamen Stimme" tatsächlich bedient werden.

Bengaluru summt. Ich höre zu.

– Ada Voss, Terminal Tribune

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