Fünf Sommer, fünf Mythen — und die Maschine dahinter
Eine Ernährungswissenschaftlerin hat fünf der meistverbreiteten Gesundheitsmythen dieses Sommers auseinandergenommen, berichtet der Daily Mail. Detox-Tees, die angeblich Schwermetalle ausleiten. Kollagen-Pulver für die ewige Jugend. Apfelessig-Kuren gegen alles. Saftkuren gegen Krebs. Parasitenreinigung mit Klebeband an den Fußsohlen. Die übliche Sumpfblüte des Sommers. Das ist nicht die Geschichte. Die Geschichte ist die Maschine, die diese Mythen erzeugt, verbreitet und in bares Geld verwandelt.
Ein Inhalt wird gepostet. Der Algorithmus bewertet ihn nach Engagement — Likes, Kommentaren, geteilten Bildern, Verweildauer, Wiedergaben. Gesundheitsmythen haben eine besondere Eigenschaft: Sie treffen existenzielle Ängste. Wer will nicht länger leben, schöner aussehen, weniger wiegen, im Alter nicht vergessen? Die emotionale Reibung erzeugt Reaktion. Der Algorithmus belohnt Reaktion mit Reichweite. Reichweite zieht Werbung an. Werbung zahlt pro Klick, pro Impression, pro verkauftem Wundermittel.
Das Geschäftsmodell ist einfach und alt. Auf der einen Seite stehen Influencer, die mit Reichweite handeln. Auf der anderen Seite stehen Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, ätherischen Ölen, Wunder-Pulvern, Tee-Mischungen und sogenannten Superfoods, die bereit sind, für jeden vermittelten Kunden zu zahlen. Affiliate-Links, Provisionsmodelle, gesponserte Inhalte, Kooperationsverträge — das ist die Mechanik. Der Verbraucher glaubt, er schaue sich Informationen an. In Wahrheit schaut er sich eine Verkaufspipeline an.
Die Wissenschaftlerin arbeitet mit Aufklärung. Aufklärung ist ein langsames Geschäft. Sie erfordert Quellen, Belege, Differenzierung, das Aussortieren von Ausnahmen. Ein Algorithmus belohnt das nicht. Ein Algorithmus belohnt die zugespitzte Behauptung, das Vorher-Nachher-Bild, die Erfolgsgeschichte in dreißig Sekunden, die persönliche Anekdote, die den Einzelfall zum Gesetz erhebt. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist asymmetrisch. Wahrheit braucht Kontext. Der Mythos braucht nur einen hübschen Filter und ein überzeugendes Lächeln.
Die Verbraucher in den Kommentarspalten zeigen das Muster. Menschen suchen einfache Antworten auf komplexe Fragen. Warum bin ich müde? Warum nehme ich nicht ab? Warum tut mein Knie weh? Warum schläft mein Kind schlecht? Die Antwort „Du brauchst dieses Magnesium" passt in einen Satz und ist sofort kaufbar. Die Antwort „Du brauchst eine ärztliche Untersuchung und möglicherweise eine Ernährungsumstellung über Monate" passt nicht in einen Social-Media-Post. Also gewinnt das Magnesium.
Die Plattformen wissen das. Sie haben es jahrelang gemessen, in internen Studien, in Leak-Berichten, in Anhörungen vor Kongressen und Parlamenten. Jede Änderung der Empfehlungs-Algorithmen wird an Werbeumsätzen gemessen, nicht an Gesundheitsergebnissen. Es gibt keine Kennzahl „Patienten, denen durch Desinformation Schaden entstand". Es gibt die Kennzahl Verweildauer. Diese Kennzahl wird gefüttert von genau den Inhalten, die am stärksten reiben. Je mehr Angst, je mehr Empörung, je mehr Hoffnung auf eine schnelle Lösung, desto besser für die Maschine.
Und hier liegt der Kern: Die Maschine ist nicht auf das Täuschen optimiert. Sie ist auf das Halten optimiert. Halten der Aufmerksamkeit, Halten der Verweildauer, Halten der Werbeerlöse. Wenn diese Optimierung dazu führt, dass vermehrt Gesundheitsmythen verbreitet werden, dann ist das ein Nebeneffekt — aber einer, der von denjenigen, die das System gebaut haben, in Kauf genommen wird. Die Mathematik ist klar: Reichweite vor Wahrheit. Verweildauer vor Differenzierung. Klick vor Sorgfalt.
Die Aufklärung, die der Daily Mail betreibt, ist notwendig. Sie ist ein Tropfen auf den heißen Stein der Maschine. Solange das Geschäftsmodell der Plattformen auf Verweildauer basiert, werden Gesundheitsmythen weiterhin produziert, verbreitet und monetarisiert. Nicht weil die Menschen dumm sind. Sondern weil die Maschine so gebaut ist, dass Vereinfachung sich besser auszahlt als Differenzierung. Wer das ändern will, muss nicht die Mythen bekämpfen. Er muss das Modell ändern.
Ada Voss, Terminal Tribune.