DHS warnt. DHS schickt
Zwei Zeilen in einer Akte, ein Widerspruch in der Welt. Die US-Heimatschutzbehörde hat Haitianer in Springfield aufgefordert, sich selbst abzuschieben – freiwillig, heißt es. Zurück nach Haiti. In ein Land, vor dem dieselbe Behörde in ihren eigenen Lageberichten warnt.
Ich sitze am Schreibtisch in Wien. Springfield kenne ich nicht. Aber ich kenne die Gesichter, die zu solchen Meldungen gehören.
Sie stehen in einer Schlange vor einem Amt, das ihre Papiere nicht übersetzt. Sie sitzen abends in einer Küche, in der die Kinder längst amerikanisch träumen. Sie falten Hände, weil das Beten die einzige Form ist, die keine Papiere braucht.
Selbst abschieben – das Wort bleibt hängen. Nicht abgeführt, nicht abgeschoben, nicht in Handschellen. Nein. Selbst. Bitte. Es klingt wie ein Angebot. Es ist gemeint als Druck. Eine Tür mit der Aufschrift „freiwillig", durch die nur geht, wer nicht weiß, was draußen liegt.
Die DHS hat diesen Menschen geraten zu gehen. Wohin? Haiti. Hier beginnt der Spalt, der so breit ist, dass keine Pressemitteilung ihn überdeckt: Dieselbe Behörde, die zum Gehen auffordert, stuft die Sicherheitslage in Haiti als kritisch ein. Bewaffnete Gruppen, kontrollierte Gebiete, ein Staat, der Teile seiner Hauptstadt nicht mehr betreten kann, ohne Leib und Leben zu riskieren. Das ist keine Mutmaßung. Das ist Aktenlage.
Frage eins: Wer hat den Lagebericht geschrieben? Frage zwei: Wer hat den Aufruf zum Gehen unterschrieben? Frage drei: Sitzen diese Personen im selben Gebäude? Ich notiere die Fragen. Antworten kommen keine.
Es gibt keine Pressekonferenz, die das auflöst. Es gibt eine Mitteilung, die beides nebeneinanderstellt, als wäre es ein Wetterbericht. Hier Warnstufe rot, dort Abflug freigegeben. Oben auf dem Formular steht „Sicherheitslage", unten steht „Zielstaat", und niemand merkt, dass zwischen den Zeilen ein Mensch steht.
Ich rufe in Springfield an. Eine Frau, deren Namen ich nicht nennen darf, solange die Akte offen ist, sagt mir am Telefon: „Sie sagen uns, wir sollen gehen. Sie sagen uns nicht, wohin. Sie sagen uns nicht, ob es dort sicher ist. Sie wissen, dass es nicht sicher ist." Sie spricht langsam, weil sie seit zwei Jahren jeden englischen Satz übt, den sie braucht. Sie hat aufgehört zu weinen, weil das Weinen ihr die Stimme nimmt, die sie braucht.
Was sagt die DHS? Sie sagt: „Wir fördern die freiwillige Rückkehr." Sie sagt: „Die Entscheidung liegt beim Einzelnen." Sie sagt nicht: „Es ist sicher dort." Sie sagt auch nicht: „Es ist unsicher dort." Sie schweigt. Und das Schweigen ist die dritte Sprache der Behörde, neben dem Englisch der Pressemitteilungen und dem Juristischen der Paragrafen.
In Wien habe ich Mandanten gehabt, die in genau diesem Schweigen gelebt haben. Die wartenden Hände in den Wartezimmern des Bundesamts. Die Menschen, die wussten, dass das, was sie verließen, schlimmer war als das, was sie erwartete – aber nicht wussten, wie schlimm das Erwartete werden würde. Ich habe Formulare ausgefüllt für Menschen, die keiner haben wollte. Ich habe gesehen, wie Familien an Grenzen auseinandergerissen wurden, nicht durch Gewalt, sondern durch Tinte.
Hier in diesem Vorgang sehe ich den alten Mechanismus in neuer Sprache: Man nennt es „freiwillige Rückkehr", aber es ist ein Programm mit Dollarzeichen. Man nennt es „Sicherheitswarnung", aber es ist eine Fußnote in einem Bericht, der keinen Empfänger hat. Man nennt es „Einzelfall", aber es sind Hunderte, vielleicht Tausende Haitianer in Springfield, die in diesen Tagen einen Brief bekommen, eine Telefonnummer, einen Hinweis: Gehen Sie. Gehen Sie jetzt. Gehen Sie selbst.
Die zentrale Frage steht offen im Raum, und bis zur Stunde ist keine Antwort gekommen: Welcher konkrete Sicherheitsplan existiert für diese Menschen bei ihrer Ankunft in Haiti? Nicht „Wir prüfen die Lage". Nicht „Die Lage ist dynamisch". Nicht „Die Entscheidung liegt bei den Betroffenen". Sondern konkret: Wer nimmt sie am Flughafen in Port-au-Prince in Empfang? Welche Unterkunft ist vorbereitet? Welche Route ist sicher? Welche medizinische Versorgung? Welcher Schutz?
Ich habe diese Fragen an die Pressestelle der DHS geschickt. Ich habe eine Eingangsbestätigung erhalten. Ich habe keine Antwort erhalten. Ich notiere auch das. Ich warte.
Unter meinem Schreibtisch steht ein kleiner Koffer. Nicht für mich. Für Mandanten, die in einer Nacht alles zurücklassen mussten. Für Familien, die zwischen Behörden und Booten hin- und hergeschoben wurden. Für Kinder, die in einem Land geboren wurden, das sie nicht kennen, und in ein Land geschickt werden, das sie vergessen haben.
Die Akte Haiti: zwei Zeilen, ein Widerspruch. Ich werde sie nicht zuklappen. Ich werde sie offenhalten, bis jemand Antworten gibt. Nicht Sprecher. Nicht Erklärungen. Antworten.
Marta Silber, Terminal Tribune.