Die Times huldigt der Wiki-Diplomatin
Manhattan, im Sommer 2026. Die New York Times, Flaggschiff der liberalen Presse Amerikas, schlägt einen neuen Ton an: Huldigung. Eine ausführliche Lobpreisung auf Bernadette Meehan, frischgebackene Chefin der Wikimedia Foundation. Autorin: Tiffany Hsu. Titel: „Wikipedia Is Battling for the Soul of the Internet." Die Botschaft: Das freie Wissen der Welt ist bedroht — von MAGA, von Künstlicher Intelligenz, von ausländischen Autokraten. Und eine mutige Diplomatin tritt an, es zu retten.
Schauen wir, was die Botschaft enthält — und was sie verschweigt.
Meehan, so erfahren wir, war Botschafterin in Chile unter Biden, Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats unter Obama, diente unter Außenministerin Hillary Clinton. Während Trumps erster Amtszeit arbeitete sie an der Obama Foundation. Hsu rückt das in die Nähe von Obamas Kuba-Reise und des politisch unbeliebten Iran-Atomdeals — und nennt diese Vergangenheit Meehans „trickiest task." Eine Spitzenbeamtin also, vom demokratischen Partei-Establishment durchformatiert, die nun die größte Enzyklopädie der Menschheit leiten soll.
Die Times rahmt die Kritik an Wikipedia als überwiegend rechtes Phänomen. Elon Musk wird namentlich hervorgehoben, daneben fallen die Namen des damaligen Acting U.S. Attorney Ed Martin, des House Oversight Committee, des republikanischen Senators Ted Cruz. Auch Mitgründer Larry Sanger kommt vor — als Kritiker.
Was die Times nicht erwähnt: Sangers Bann von der Plattform, die er selbst mitgegründet hat. Einen Bann, den dieselbe Times zuvor selbst berichtet hatte. Das ist ein redaktioneller Kniff, der auffällt.
Ein zweiter Kniff: Meehans eigenes Wikipedia-Porträt wurde, wie ein hauseigenes Community-Newsletter der Wikimedia berichtete, von einem bezahlten Editor angelegt. Die Times übergeht das. Bezahltes Editieren verstößt gegen die Nutzungsbedingungen der Plattform — sofern es nicht offengelegt wird. Hier wurde es, dem Bericht zufolge, offen ausgewiesen. Bemerkenswert bleibt: Die Chefin einer Plattform, die bezahltes Editieren als Dauerproblem kennt, hat sich selbst über einen solchen Kanal portraitieren lassen. Die Times fragt nicht nach.
Ein dritter Kniff: Die Anfragen von Abgeordneten an die Foundation waren, nach Darstellung der pro-israelischen Medienbeobachtergruppe CAMERA, überparteilich. Die Times aber rahmt die Sorge um antisemitische und anti-israelische Bearbeitung als ein überwiegend rechtes Anliegen. Damit wird eine politische Querschnittsdiagnose zur Parteilinie verkürzt. Wer die Quellen kennt, sieht die Lücke.
Meehan selbst darf der Times sagen, Wikipedia sei „credible" und „beloved", in polarisierten Zeiten eine „trustworthy source." Die größte Plattform für Sammelwissen der Menschheit sei, so Hsu, „the grande dame of collective online fact-gathering." Das klingt nach Würdigung. Es klingt auch nach Schutzbehauptung.
Die Foundation selbst antwortet auf Anfragen zur Ban-Praxis traditionell nicht. Das ist hinlänglich bekannt. Die Times erwähnt es nicht. Sie erwähnt auch nicht, dass Bans, im Insiderjargon „SanFranBans" genannt, ohne öffentliche Begründung durch das Trust-and-Safety-Team verhängt und gelegentlich wieder aufgehoben werden. Die neue Chefin tritt dieses Erbe an. Was sie daran ändert, wird die Times, nach diesem Artikel zu urteilen, kaum als Erstes berichten.
Was bleibt? Eine profilierte Personalie, eine wohlwollende Plattitüde, drei nennenswerte Auslassungen. Die neue Chefin der freien Wissensmaschine ist in der Times angekommen. Die Drähte summen, der Lötzinn glüht. Man wird beobachten müssen, welche Bans als Nächstes fallen — und welche Kritiker als Nächstes.