Zehntausend Häuser Strom und ein leerer Brunnen: Die Rechenhallen kommen aufs Land
Hört ihr das? Dieses Summen, das nicht aufhört. Es kommt nicht mehr aus den Bienenstöcken von Devonshire, nicht aus den Transformatorenhäuschen längst vergessener Kraftwerke. Es kommt aus Hallen. Aus fensterlosen Hallen, so groß wie englische Kleinstädte, gefüllt mit Maschinen, die niemand erklären kann und niemand erklären will.
In meiner Zeit an den Drähten habe ich viele Frequenzen gehört — Morsetasten im Ärmelkanal, Funksprüche über dem Atlantik, das Echo von Radargeräten entlang der Küste. Damals hieß es: hört zu, übersetzt, gebt weiter. Heute sitze ich im selben Büro, es riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und ich übersetze wieder. Aber das, was ich höre, klingt wie das Atmen eines Tieres, das niemand bestellt hat. Eine Zukunft, die sich ohne Erlaubnis eingenistet hat.
Die Rede ist von Data Centre — auf deutsch Rechenzentren, obwohl das Wort zu klein ist für das, was sie sind. Es sind die Magazinräume einer neuen Wirtschaft, die niemand sieht und niemand anfasst. Server. Prozessoren. Kühltürme. Kabelstränge, so dick wie Männerarme. Drinnen: Hitze, Strom, Wasser. Draußen: ein Summen, das die Hecken zittern lässt.
Eines davon — oder eines, das werden soll — liegt zur Diskussion in Devonshire. 850 Acres. Wer mit Bauern spricht, weiß, was das bedeutet: Felder, Wälder, Wasserläufe, Gemeinden, deren Namen seit Generationen weitergegeben werden. Eine Grafschaft, deren Klang nach Cream Tea und Kirchweih klingt, soll einen Koloss schlucken, dessen Energiebedarf allein zehntausend Haushalten gleichkommt. Zehntausend. Das ist keine Zahl aus einem Werbeprospekt. Das ist die Stromrechnung einer Kleinstadt, abgezogen vom Netz, das eigentlich den Menschen gehört.
Wasser. Davon spricht am liebsten niemand. Aber die Kühlsysteme dieser Hallen saufen, was die Grafschaft hergibt. In einer Zeit, in der englische Sommer häufiger mit Wasserknappheit enden als mit Regen, in der Flüsse niedriger stehen als zu Großvaters Zeiten, wird eine Industrie gebaut, die Wasser als Betriebsmittel behandelt — als wäre Wasser ein Rohstoff und kein Erbe.
Die Städte haben es begriffen, manche zumindest. Während der London Climate Action Week wurde ein Pakt unterzeichnet, der mehr als vierzig Kommunen zusammenbringt: London, Chicago, Mumbai, Nairobi, Rio de Janeiro, Abidjan. Sie wollen, dass Rechenzentren nachhaltig arbeiten, lokale Gemeinden respektieren, vor Ort investieren. Sie benennen, was die Erbauer gern vergessen: dass digitale Infrastruktur aus sehr physischen Dingen besteht — Stromnetzen, Wassersystemen, Straßen, kommunalen Diensten. Sehr physisch. Sehr lokal. Sehr teuer für jene, die nicht gefragt wurden.
Denn die Maschinerie ist längst in Gang. Die Erbauer dieser Hallen kommen nicht mit lauten Versprechen, sie kommen mit Aktenordnern, mit Grundbucheintragungen, mit Beschlüssen in Ausschüssen, zu denen kein Bauer Zutritt hat. Sie kommen im Auftrag einer Ökonomie, die alles als „digitale Infrastruktur" verbucht, was früher schlicht ein Schornstein war oder ein Stück Land.
Wenn in einem Dorf das Licht flackert, weil das Netz überlastet ist, und die Halle am Ortsrand glüht weiter — Tag und Nacht, ohne Unterbrechung — dann ist Vertrauen ein billiges Wort geworden. Dann sitzt eine Frau am Küchentisch in Devonshire und fragt sich, warum ihr Brunnen trockenfällt, während in einer Betonhalle irgendwo Rechenoperationen laufen, deren Zweck sie nicht kennt und deren Nutzen sie nie zu sehen bekommt.
Das ist die Frage, die ich höre, wenn ich die Drähte abhöre. Nicht: was können diese Maschinen? Sondern: wer hat sie bestellt, wer profitiert, wer zahlt den Preis — mit seiner Stromrechnung, mit seinem Wasser, mit seiner Landschaft, mit seinem Schlaf?
Frauen hatten 1937 in diesem Beruf nichts verloren, hat man mir gesagt. Ich schreibe trotzdem. Weil die Drähte summen und weil jemand übersetzen muss, was sie sagen.
Die Rechenhallen werden kommen. Davon bin ich überzeugt. Das Geld dahinter ist zu groß, die Nachfrage zu stetig, die Verflechtungen zu dicht. Aber wie sie kommen, das ist noch nicht geschrieben. Ob als Kolosse, die das Land schlucken, oder als Anlagen, die sich einfügen — das hängt davon ab, ob die Menschen vor Ort eine Stimme haben, die lauter ist als das Summen der Kühltürme.
Ich höre weiter zu. Die Maschinen antworten nicht.