Reparatur am Menschen — aber wer zahlt die Rechnung?
Eine neue Heilmethode verspricht, was bislang als unumkehrbar galt: die Wiederherstellung geschädigter Organe, die Rückgängigmachung dessen, was die Medizin gestern noch als Schicksal verbuchte. In den Laboratorien spricht man von Revolution. Ich übersetze: Wer bekommt das, wer bleibt draußen, und was kostet es, wieder ganz zu werden?
Denn das ist die Frage, die in keiner Pressemitteilung steht. In den Verlautbarungen der Forschungsstätten liest sich die Sache wie eine Erlösungsgeschichte — der menschliche Körper als reparierbarer Apparat, die Medizin als Mechanikerin der Biologie. Was fehlt, ist die Preisliste. Und die ist, wie immer in diesem Gewerbe, das eigentlich Interessante.
Beginnen wir bei den Kosten. Eine solche Technik — Aufwand an Apparaten, geschultem Personal, Nachsorge — ist nicht zum Preis einer Schachtel Aspirin zu haben. Die ersten Anwendungen, das lässt sich aus den verfügbaren Andeutungen ablesen, bewegen sich in Größenordnungen, die einem Arbeitergehalt eines halben Jahres entsprechen. Dem Buchhalter einem Vierteljahr. Dem Fabrikanten ein Sonntagsspaziergang. So sortiert sich die Menschheit, noch bevor das Skalpell angesetzt wird.
Die Anbieter werden das anders formulieren. Sie werden von Skaleneffekten sprechen, von Forschung, die sich amortisieren muss, von Investitionen, die erst dann nachgeahmt werden können, wenn der Markt sich entwickelt hat. Das ist die Sprache der Bilanzen, nicht der Patienten. Eine Sprache, in der die Genesung des einen die Rendite des anderen ist.
Was hier entsteht, ist keine Frage der medizinischen Möglichkeit. Sondern eine Frage der Verteilung. Wir haben das schon einmal gesehen — bei Insulin, bei den Sulfonamiden, bei der Röntgentherapie. Jede dieser Techniken begann als Wunder und endete als Klassenfrage. Der Körper des Direktors wird repariert, der Körper des Arbeiters wird notdürftig geflickt. Die Medizin schreibt ihre eigenen Gesetze, und die Gesetze der Ökonomie schreiben mit.
Ich höre die Stimmen aus den Forschungshallen. Sie sagen: mehr Studien, mehr Kapazität, mehr Zeit, dann wird es billiger. Das ist plausibel, aber es ist auch die Standardformel, mit der jede Verteuerung gerechtfertigt wird, bevor sie zur Gewohnheit wird. Die Geschichte der pharmazeutischen Industrie ist ein langer Beleg dafür, dass Preise nicht fallen, weil etwas herstellbar wird. Sie fallen, wenn jemand sie bricht.
Wer bricht sie? Nicht die Erfinder. Nicht die Kliniken. Nicht die Versicherungen, die längst eigene Tarife entwerfen werden. Vielleicht die Politik, vielleicht die Gewerkschaften, vielleicht eine öffentliche Debatte, die laut genug wird, um die Preisschilder sichtbar zu machen. Solange das nicht geschieht, gilt: die Wiederherstellung des Körpers wird ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der Zwei-Klassen-Medizin.
Es wird Sortierung geben, noch bevor die ersten Geräte in Serie gehen. Wer vorgemerkt wird, wer auf Wartelisten landet, wer mit dem Vermerk „nicht dringend" abgelegt wird — das entscheidet sich nicht am Krankenbett, sondern in den Konferenzräumen der Träger und Stiftungen. Die Klinik ist nach außen ein Ort der Heilung. Nach innen ist sie eine Verwaltungsanstalt mit Hygiene.
Ich bin keine Prophetin. Ich bin Telegraphistin. Ich höre die Drähte, und was ich höre, ist kein Triumph. Es ist ein Vertrag, der noch nicht zur Sprache gekommen ist — zwischen denen, die verkaufen, und denen, die bezahlen sollen. Wer in den nächsten Monaten genauer hinhört, wird die Details in den Anzeigen der Privatkliniken finden, im Kleingedruckten der Policen, in den Anstellungsbedingungen jener Fabriken, die ihre Belegschaft „wertvoll" genug finden, um sie abzusichern.
Die Medizin kann jetzt mehr. Die Frage ist nicht, ob sie es kann. Die Frage ist, für wen. Solange die Antwort in den Bilanzen steht und nicht in den Kabinetten, bleibt das Neue das Eigentum derer, die schon alles haben.