VERERBTE KINDERLOSIGKEIT? EINE THESE, ZU EINFACH FÜR DIE GENETIK
Die Drähte summen. Diesmal keine Morsezeichen vom Äther, sondern eine Depesche aus den Nachrichtenkanälen, die aufhorchen lässt. Robert F. Kennedy Jr. hat eine Aussage getätigt, die Unfruchtbarkeit in genetisches Fahrwasser lenkt. Eine These, so pauschal, dass sie für jeden, der einmal einen Biologiekurs besucht hat, nach Vereinfachung riecht. Riecht sie falsch? Das ist die Frage, die ich heute prüfe.
Zunächst die Faktenlage. Unfruchtbarkeit — medizinisch Infertilität — ist kein einheitliches Phänomen. Sie ist ein Sammelbegriff für einen Zustand, der viele Ursachen haben kann: verschlossene Eileiter, endometriale Pathologien, hormonelle Störungen, schlechte Spermienqualität, Alter, Lebensstil, Umweltgifte, anatomische Besonderheiten, Infektionen, um nur einige zu nennen. Wer diesen Katalog sieht, versteht sofort: Die Genetik ist eine Variable unter vielen, nicht die Variable.
Und genau hier beginnt das Problem. Wenn Unfruchtbarkeit als genetisch vererbt dargestellt wird, betreibt der Sprecher eine Reduktion, die der Komplexität nicht standhält. Gene sind nicht das Schicksal, sie sind Disposition. Und Dispositionen entfalten sich im Dialog mit der Umwelt, mit dem Lebensstil, mit dem Zufall der Epigenetik.
Snopes, deren Akribie ich bei früheren Gelegenheiten zu schätzen gelernt habe, hat sich der Aussage angenommen. Das Urteil fällt, wenig überraschend, vernichtend aus für die Pauschalisierung: irreführend. Nicht in jedem Detail falsch — denn ja, es gibt genetische Beiträge zur Unfruchtbarkeit. Das Klinefelter-Syndrom, Mukoviszidose-bedingte Azoospermie, bestimmte Chromosomentranslokationen — das sind reale, gut dokumentierte genetische Ursachen. Aber sie betreffen eine Minderheit der Fälle. Die Mehrheit der Infertilität hat andere Wurzeln.
Hier wird es politisch brisant, auch wenn ich keine Motive unterstelle. Denn wer die Ursache in die Gene verlegt, verlagert die Verantwortung. Weg von konkreten, oft vermeidbaren Risikofaktoren — Tabakkonsum, Alkohol, Übergewicht, Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren wie BPA oder Phthalaten, späte Familienplanung — hin zu einem deterministischen Modell, das nichts erklärt und niemandem hilft. Frauen, die jahrelang auf eine Schwangerschaft warten, brauchen keine Schuldzuweisung an die Großmutter. Sie brauchen Diagnostik, Therapie, und nicht zuletzt eine Politik, die Umweltgifte reguliert und reproduktive Gesundheit ernst nimmt.
Die Genetik als Wissenschaft ist in den letzten Jahrzehnten erwachsen geworden. Wir wissen heute: Monogene Vererbung — ein Gen, ein Merkmal — ist die Ausnahme. Die meisten phänotypischen Ausprägungen, erst recht komplexe wie Fruchtbarkeit, sind polygen, also Produkt vieler Gene, die jeweils kleine Beiträge liefern. Hinzu kommen Gen-Umwelt-Interaktionen, epigenetische Modifikationen, mitochondriale Faktoren. Wer das alles unter dem Schlagwort Genetik subsumiert, macht denselben Fehler, den ein Telegraphist macht, der eine Morsenachricht als Klopfen zusammenfasst — ja, technisch korrekt, aber informationsarm.
Was mich an dieser Aussage stört, ist nicht die Erwähnung von Genetik an sich. Es ist das Wegwischen aller anderen Faktoren. Es ist das Versprechen einer einfachen Antwort auf eine schwere Frage. Es ist der Umstand, dass eine so pauschale Behauptung in Umlauf gebracht wird, ohne dass die Quellenlage sie trägt. Eine seriöse Aussage zur Vererbung von Unfruchtbarkeit müsste differenzieren: Welche Form? Welche Prävalenz? Welcher Vererbungsmodus? Welche Penetranz? Welche Evidenzklasse? Das tut sie nicht. Sie tut das Gegenteil — sie verallgemeinert.
Mein Büro riecht heute nach Lötzinn und einer Tasse Kaffee, die kalt geworden ist, während ich diese Zeilen tippe. Die Drähte summen weiter. Ich übersetze, was ich höre. Was ich höre, ist dies: Eine These, zu einfach für die Biologie, zu irreführend für die öffentliche Gesundheit.