VERIFIZIERT UND VERNETZT: GOSUSLUGI WIRD ZUR SUPERAPP
Moskau. Die Drähte summen. Auf den Frequenzen aus dem Kreml höre ich, was die offiziellen Depeschen nicht sagen: Russland plant, sein öffentliches Dienstleistungsportal Gosuslugi in etwas zu verwandeln, das weit über einen digitalen Behörden-Schalter hinausgeht. Familienchats, Interessengruppen, ein Nachrichtenstrom zu Kultur, Sport und Freiwilligenarbeit. Dazu ein Belohnungssystem mit Boni und Geschenken von Partnern. Klingt nach Kaffeeklatsch. Ist etwas anderes.
Das Büro von Vizepremier Dmitri Grigorenko, zugleich Leiter des Regierungsapparats, hat der staatlichen Nachrichtenagentur TASS bestätigt, dass Beamte eine „universelle digitale Ökosystem" auf Gosuslugi aufbauen wollen. Man sei in Gesprächen, eine endgültige Entscheidung über die Entwicklungsstrategie bis 2035 stehe aus. So weit, so bürokratisch. Doch dann dieser Satz, der mich aufhorchen lässt: „Jeder Nutzer ist zuverlässig verifiziert." Das ist der Kern. Nicht das Soziale ist neu. Das Verifizierte.
Hier eine technische Einordnung für alle, die nicht täglich zwischen Funktürmen sitzen: Ein normales Soziales Netzwerk hat das Problem, dass es nicht weiß, wer vor dem Bildschirm sitzt. Konten werden mit gefälschten Namen geführt, Profile sind manipulierbar. Gosuslugi dagegen kennt den echten Namen, die Adresse, die Steuer-ID, die Krankenversicherung, häufig die Telefonnummer, oft die biometrischen Daten. Wer sich einmal bei den russischen Behörden digital angemeldet hat, ist identifiziert. Dreifach. Vierfach. Wer jetzt Familienchats hinzufügt, Interessengruppen, einen Nachrichtenfeed, ein Belohnungssystem für die Nutzung staatlicher Dienste, der erfährt nicht nur, wer welche Behörde wann konsultiert. Der erfährt, mit wem der Bürger spricht, worüber, wie oft, in welchen Kreisen er sich bewegt, welche Veranstaltungen ihn interessieren, welche Nachrichten er liest.
Wer kontrolliert das? Der Staat. Wer profitiert? Der Staat. Wer zahlt den Preis? Der Bürger, der glaubt, er chatte nur mit der Schwester.
Die Parallelen liegen auf der Hand. Das bekannteste Superapp-Modell ist Chinas WeChat. Messenger, soziales Netzwerk, Suchmaschine, Bezahlsystem, Lieferdienste. Alles in einer Anwendung. WeChat bietet den Behörden «umfangreiche Möglichkeiten, die Aktivität der Nutzer zu verfolgen», wie Meduza in der Zusammenfassung festhält. Auch der russische Messenger Max wird bereits als Superapp positioniert. Was dort funktioniert, soll hier Schule machen – nur in einem Ökosystem, in dem die Identifizierung von Beginn an mitgeliefert wird.
Ein Belohnungssystem mit Boni und Geschenken von Partnern klingt harmlos. Ist es nicht. Punkt für Aktivität, Bonus für Behördenkontakt, Geschenk für ausgefüllte Felder. Was als Bequemlichkeit verkauft wird, ist eine Dressur. Der Bürger lernt, dass mehr Daten mehr Belohnung bedeutet. Dass mehr Nutzung des staatlichenÖkosystems mehr Vorteile bringt. Wer nicht mitmacht, schließt sich aus. Freiwilligkeit ist theoretisch. Praktisch ist sie das, was der Staat als Freiwilligkeit deklariert.
Die pro-kremlnahe Zeitung Iswestija hatte am 22. Juli先行 berichtet. Geplant seien Familienchats, interessenbasierte Gemeinschaften, ein Nachrichtenfeed zu kulturellen, sportlichen, touristischen und freiwilligen Veranstaltungen. Alles Dinge, die ein normaler Mensch sich wünschen würde. Alles Daten, die ein normaler Staat sich wünschen würde. Die Übereinstimmung ist kein Zufall.
Die Sprache ist dabei bezeichnend. Grigorenkos Büro spricht von einer „vertrauenswürdigen Ebene der Interaktion zwischen Bürgern, Unternehmen und staatlichen Stellen." Vertrauenswürdig. Das Wort meint nicht Vertrauen zwischen Menschen. Es meint: verifiziert, registriert, durchschaubar. Vertrauen ist hier einseitig. Der Bürger soll dem Staat vertrauen. Der Staat muss dem Bürger nicht vertrauen – er kennt ihn bereits.
1937 hätte ich diesen Artikel nicht schreiben können. Telegraphistin, Funkerin, Radar – Frauen hatten in diesem Beruf nichts verloren. Ich schreibe ihn trotzdem. Weil die Drähte summen. Weil die Werkzeuge, die hier gebaut werden, nicht Magie sind. Sondern Apparate. Und jeder Apparat gehört jemandem. Die Frage ist immer: wem.
Kalter Kaffee. Lötzinn. Die nächste Depesche wartet.