GIFT IM GEWAND DER UMFRAGE
Die Drähte summen. Diesmal kein Maschinensalat aus dem Äther, sondern Meldungen von Lesern, die auf etwas gestoßen sind, das zu schön klingt, um wahr zu sein. Es ist nicht wahr. Das lässt sich nachprüfen.
In den vergangenen Tagen kursieren Links und Werbebanner, die vollmundige Versprechen machen: Alton Towers, der britische Freizeitparkriese, soll angeblich Kleider- und Technik-Geschenksets ausgeben. TUI, einer der größten Reiseveranstalter des Kontinents, soll ebenfalls ein kostenloses Sommergeschenkset an alle verschicken, die eine kurze Umfrage ausfüllen. Die Mechanik ist dabei immer dieselbe. Ein Klick. Ein paar multiple-choice-Fragen. Dann die Adresse eingeben. Dann warten. Kein Geschenk kommt.
Die Terminal Tribune hat nachgeprüft. Wir haben die offiziellen Pressestellen von Alton Towers und TUI konsultiert. Das Ergebnis ist eindeutig und wenig überraschend: Alton Towers wird keine Kleider- und Technik-Geschenksets für das Ausfüllen einer Umfrage verschenken. TUI gibt keinen kostenlosen Sommergeschenksets an Personen heraus, die eine Umfrage ausfüllen. Beide Aussagen stammen direkt von den Kommunikationsabteilungen der jeweiligen Unternehmen. Es existieren keine öffentlichen Promotionsnachweise. Es gibt keine Kooperationsbekundungen mit Drittanbietern, keine beglaubigten Gewinnspiele, keine Pressemitteilungen, keine offiziellen Social-Media-Kanäle, die ein solches Programm ankündigen oder bestätigen. Wer das Gegenteil behauptet, lügt. Wer es glaubt, zahlt den Preis.
Ich erkläre die Mechanik, weil sie immer gleich funktioniert und weil Verstehen der beste Schutz ist. Eine gefälschte Umfrage ist im Grunde eine digitale Mausefalle. Die Fassade ist harmlos. Drei Klicks. Welche Marke kennen Sie. Wie alt sind Sie. Reisen Sie gern. So entsteht das trügerische Gefühl einer Transaktion unter Gleichen. Sie geben Antworten, Sie bekommen etwas. Ein Sweepstake. Ein Geschenk. Ein exklusives Set. Doch die Tauschware ist nicht Information gegen Ware. Die Tauschware ist Information gegen Information. Name, Anschrift, Geburtsdatum, E-Mail-Adresse. Häufig auch Telefonnummer, Bankverbindung, Kontonummer für angebliche Versandkosten. Wer drei Klicks macht und seine Privatadresse einem unbekannten Formular übergibt, hat keine Belohnung gewonnen. Er hat sich selbst verkauft.
Hinter solchen Aktionen steckt, je nach Ausführung, eines von zwei Geschäftsmodellen. Das erste ist Datenhandel. Die eingesammelten Informationen werden in Paketen gebündelt und an Werbenetzwerke, Adresshändler oder schlicht dubiose Vermarkter weiterverkauft. Das zweite ist Weiterleitung. Die Umfrage ist nicht das Ziel, sie ist der Korkenzieher. Nach der letzten Frage folgt ein Klick auf Bestätigen, und der Bildschirm öffnet eine andere Seite. Eine Seite, die aussieht wie ein Gewinnspielportal, eine Seite, die nach Kreditkartendaten fragt, eine Seite, die eine kleine Bearbeitungsgebühr verlangt, meist zwischen drei und neun Euro, angeblich für den Versand. Wer zahlt, hat nicht bezahlt für ein Geschenk. Er hat bezahlt für ein Abo, das monatlich abgebucht wird, oft bei einem ausländischen Anbieter, oft mit Sitz in einer Jurisdiktion, die einer Rückforderung im Wege steht.
Ich habe in den letzten Jahren viele solcher Maschen gesehen. Die Schönheit des Schwindels liegt in seiner Anpassungsfähigkeit. Mal nutzt er den Namen eines Baumarktes, mal den eines Lebensmitteldiscounters, mal den einer Fluggesellschaft. Die Hülle wechselt, der Kern bleibt. Und der Kern ist nicht das Geschenk. Der Kern ist der Klick. Der Kern ist die Schwelle, die der Nutzer überschreitet, wenn er zum ersten Mal persönliche Daten in ein Formular eintippt, das er nicht kennt und dessen Betreiber er nicht identifizieren kann.
Hier die Einordnung, die unsere Leser verdienen. Alton Towers ist ein Freizeitparkbetreiber. Sein Geschäftsmodell sind Eintrittskarten, Übernachtungen, Gastronomie und Merchandise am Drehkreuz. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum dieser Konzern kostenlose Textilwaren und Elektronik über das offene Internet verteilen sollte, und zwar an Menschen, die nicht einmal Eintrittskarten gekauft haben. TUI verkauft Pauschalreisen, Kreuzfahrten und Hotelbuchungen. Auch hier ist die Logik dieselbe. Ein Reiseveranstalter hat kein Vertriebsinteresse an willkürlich versendeten Geschenksets an Personen, die gerade eine Online-Umfrage ausfüllen. Solche Aktionen brennen Geld, ohne dass strategischer Nutzen zurückkommt. Das ist im Geschäftsleben selten. Es kommt vor, wenn Marketingabteilungen Grenzen testen. Aber dann wäre es kommuniziert. Dann gäbe es eine Pressemitteilung. Eine Landingpage auf der eigenen Domain. Einen Footer mit Impressum und AGB. All das fehlt. Und sein Fehlen sagt mehr als jedes Dementi.
Unseren Faktencheckern lagen Anfragen von Lesern vor, die exakt diese Sorte Banner gesehen hatten. Die Domains wechseln. Die Schriftarten imitieren die Corporate Identity der genannten Marken. Die Logos sind oft aus dem offiziellen Marketingmaterial gezogen und in niedriger Auflösung eingebettet. Wer genauer hinsieht, erkennt die Brüche. Die URL oben in der Adressleiste hat nichts mit alton-towers.com oder tui.com zu tun. Die Verlinkung führt auf einen Drittanbieter. Das Kleingedruckte versteckt sich hinter winzigen Links, die niemand liest.
Mein Rat an die Leserschaft ist altmodisch und gilt unverändert. Wenn ein Angebot zu gut ist, um wahr zu sein, dann ist es das. Wenn ein Konzern, dessen Name Sie kennen, plötzlich etwas verschenkt, ohne dass Sie aktiv bei ihm Kunde sind, prüfen Sie die Quelle. Gehen Sie direkt auf die offizielle Webseite des Unternehmens. Rufen Sie dort die Pressestelle an. Schauen Sie in die offiziellen Social-Media-Kanäle. Wenn Sie dort nichts finden, existiert das Angebot nicht. Drittens, niemals persönliche Daten in Formulare eintippen, deren Empfänger Sie nicht identifizieren können. Viertens, niemals eine Zahlung leisten, um ein angeblich kostenloses Geschenk zu erhalten. Kostenlose Geschenke verlangen keine Bearbeitungsgebühr. Das ist ein Widerspruch in sich, und Widersprüche lügen nie.
Die Auflösung dieses Falls ist nüchtern. Es gibt kein Alton-Towers-Sommergeschenkset. Es gibt kein TUI-Sommergeschenkset. Es gibt eine Masche, die diese Namen benutzt, um an Daten und Geld zu kommen. Die Masche ist nicht neu. Sie ist nur gut gewartet. Unsere Aufgabe hier ist nicht, sie zu stoppen. Das können wir nicht. Unsere Aufgabe ist, sie zu beleuchten, damit jeder Leser sie selbst erkennen kann, wenn sie das nächste Mal über den Bildschirm kriecht.
Die Drähte hören nicht auf zu summen. Ich bleibe dran.