Polens 656 Millionen: Warschau steigt in EU-Satellitenkonsortium IRIS² ein
Warschau hat sich eingeklinkt. 656 Millionen Euro, umgerechnet 2,8 Milliarden Zloty, fließen aus Warschaus Anteil am EU-Aufbaufonds nach der Pandemie in das Satellitenprogramm IRIS². Das Geld stammt also nicht direkt aus dem polnischen Haushalt — es kommt aus dem gemeinsamen Topf, der nach der Corona-Krise aufgesetzt wurde, um Europas Volkswirtschaften wieder auf die Beine zu bringen. Nun wird ein Teil davon in den Orbit geschickt.
Bei der Unterzeichnungszeremonie am Dienstag in Warschau sprach Andrius Kubilius, EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt, von einem großen Tag für Polen, die Ostflanke und die gesamte Union. „Indem Polen in den Weltraum investiert, investiert es in seine Sicherheit, seine Wirtschaft und seine Zukunft", sagte er. Marcin Kierwiński, polnischer Innenminister, sagte, IRIS² werde die strategische Unabhängigkeit sichern und demonstrieren, dass Polen eine Führungsrolle in der europäischen Raumfahrtindustrie anstrebe und im Zentrum der EU-Sicherheitsanstrengungen bleiben wolle. „Kein einzelnes Land kann eine solche Konstellation effizient bauen — deshalb steigen wir bei diesem Großprojekt ein, um Teil davon zu sein und es mitzugestalten", so Kierwiński.
Was wird gebaut? Fast 300 Satelliten in niedriger und mittlerer Erdumlaufbahn. Sie sollen verschlüsselte, störungsresistente Kommunikation liefern — für Regierungen, Verteidigungsbehörden, Rettungsdienste und ausgewählte gewerbliche Nutzer innerhalb der EU. Verschlüsselt heißt: niemand soll mithören können. Störungsresistent heißt: das Signal lässt sich nicht einfach wegkämpfen. Das Programm wurde erstmals 2022 angekündigt — als Reaktion auf wachsende Bedenken über Cybersicherheit, hybride Bedrohungen und die Frage, was passiert, wenn kritische Infrastruktur unter Druck gerät. Sorgen, die nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine nicht leiser geworden sind.
Eva Berneke, Chefin von Eutelsat, einem der an IRIS² beteiligten Unternehmen, bringt es in einem Satz auf den Punkt, den Politico Europe zitiert: „Es ist enorm wichtig, dass Europa eine souveräne Kapazität hat, und Starlink wird das niemals leisten." Starlink — das Satellitennetz des US-Unternehmens von Elon Musk — ist heute das Referenzsystem, an dem sich jeder neue Vorschlag messen lassen muss. Dass Europa hier ein eigenes Netz aufspannt, ist keine technische Spielerei für ambitionierte Ingenieure. Es ist eine Antwort auf eine Frage, die seit dem Ukraine-Krieg mit jedem Monat drängender geworden ist: Wer sitzt am Schalter, wenn die Verbindung zwischen Hauptstadt und Front zusammenbricht?
Die polnische Beteiligung bedeutet konkret zweierlei. Erstens: Warschau erhält Zugang zum sicheren Satellitennetz für Regierungsinstitutionen, Streitkräfte und Rettungsdienste. Das ist die politische Dividende. Zweitens: Die wachsende polnische Raumfahrtindustrie kann sich um Aufträge bewerben, die im Rahmen des Aufbaus der Konstellation vergeben werden. Komponenten, Bodenstationen, Software, Integrationsleistungen — alles, was beim Bau von fast 300 Satelliten anfällt. Das ist die industrielle Dividende. Beides zusammen macht den Betrag von 656 Millionen Euro zu einer Investition, die in Warschau doppelt begründet wird.
Das Gesamtvolumen von IRIS² liegt bei 10,6 Milliarden Euro, wovon nach bisherigem Stand 6,5 Milliarden aus dem EU-Haushalt kommen. Wie sich der Rest verteilt — auf private Investoren, Mitgliedstaaten, Industriepartner — wird sich in den kommenden Verhandlungen zeigen. Fest steht: Die Europäische Union baut sich eine eigene Stimme am Himmel. Polen hat sich eingeklinkt. Und der Draht summt weiter.