Marysville kämpft um den Namen, den Sacramento strich
MARYSVILLE — Eine Kleinstadt im Norden Kaliforniens führt einen Kampf, den in Sacramento kaum jemand hören will. Die Marysville High School, seit knapp hundert Jahren mit dem Maskottchen „Indians" unterwegs, hat am vergangenen Mittwoch den Namen offiziell aus dem Verkehr gezogen. Ein Gesetz, das Gouverneur Gavin Newsom im September 2024 unterzeichnet hatte, trat in Kraft: die erweiterte Fassung des California Racial Mascot Act verbietet öffentlichen Schulen im Staat, „herabsetzende native amerikanische Begriffe" als Maskottchen oder Sportteamnamen zu verwenden.
Eine einzige Ausnahme bleibt. Sie greift nur, wenn eine föderal anerkannte Tribe schriftlich zustimmt. Das ist die Hintertür im Gesetz, schmal und mit Bedingungen versehen.
Die Schulbehörde Marysville Joint Unified School District hat genau diesen Weg versucht. Superintendent Jordan Reeves erklärte am 30. Juni, man habe Vertreter lokaler Tribes getroffen, um die nötige Genehmigung einzuholen — ohne Erfolg. Die Stammesvertreter hätten sich „weitgehend neutral" verhalten. Die nächstgelegene föderal anerkannte Gruppe ist Enterprise Rancheria, südlich von Olivehurst gelegen, wie das California State Geoportal ausweist.
Reeves kündigte an, die Suche fortzusetzen. Der Bezirk erkenne „die tiefe Geschichte und Tradition, die mit dem Indians-Maskottchen verbunden ist", heißt es in der Erklärung. Man wolle „den stolzen Traditionen der Schule Ehre erweisen" und gleichzeitig „die langjährigen Werte der Gemeinschaft von Marysville aufrechterhalten". 1,9 Prozent der Einwohner Marysvilles identifizieren sich nach der American Community Survey 2024 als Indianer oder Ureinwohner Alaskas.
Was hier zu beobachten ist, geht über eine Lokalposse hinaus. Es zeigt, wie politischer Druck — einmal in Gesetzesform gegossen — über demokratische Aushandlung gestülpt wird, bevor sie überhaupt stattfinden kann. Formal sieht das Gesetz einen Kompromiss vor. Es überlässt die Entscheidung den Tribes. Doch die Tribes, die hier den Ausschlag geben könnten, schweigen.
Schweigen ist keine Zustimmung. In Sacramento aber gilt Schweigen offenbar nicht als Hinderungsgrund. Die Frist lief am Mittwoch ab. Der Name ist weg.
Die Alumni, Lehrkräfte und Mitarbeiter, mit denen die Lokalzeitung Appeal-Democrat sprach, sehen das Maskottchen überwiegend mit Respekt. Sie berichten, die Schüler hätten das Bild nie als herabsetzend empfunden. Diese Stimmen kamen jedoch erst nach dem Gesetzestext — nicht davor. Die Reihenfolge ist: erst Verbot, dann Konsultation. Marysville durfte seine Verteidigung führen, aber unter einer Frist, die bereits tickte.
Marysville ist eine kleine Schule in Yuba County. Das Verfahren, das hier greift, ist jedoch kein Einzelfall. Im selben Zeitraum mussten mehrere Schulen in Kalifornien ihre Maskottchen ablegen. Bundesstaaten wie New York ziehen mit ähnlichen Regelungen nach. Überall, wo digitale Empörung den politischen Diskurs verschiebt, taucht dasselbe Muster auf: Ein Thema gewinnt Lautstärke auf den Frequenzen der sozialen Netzwerke, der Gesetzgeber antwortet mit Verboten, lokale Institutionen bleiben mit den Folgen allein.
Das ist die Maschine, die hier läuft. Sie braucht keinen Anführer und keine Verschwörung. Sie braucht Aufmerksamkeit, ein paar weitergeleitete Beiträge, ein Video, das eine Welle schlägt. Am Ende steht ein Paragraph in einem kalifornischen Gesetz. Und eine Schulaula in Marysville hat keinen Namen mehr.
Marysville will weiter um die Ausnahme kämpfen. Ob Enterprise Rancheria ihr Schweigen bricht, bleibt offen. Die Schule selbst, so Reeves, habe „keine Pläne, das Maskottchen zu ersetzen". Was auch immer der Bezirk tut — das Verfahren, in dem er steckt, hat das alte Maskottchen bereits überholt. Der Name existiert nur noch auf Trikots aus vergangenen Spielzeiten und in den Köpfen der Ehemaligen.
Die Reihenfolge bleibt: erst Empörung, dann Verbot, dann Konsultation. Eine Schule wie Marysville ist der Beweis, dass diese Reihenfolge funktioniert — und dass niemand Rechenschaft darüber ablegt, wer sie in Gang gesetzt hat.
Die Maschine kennt keine Verlierer. Sie kennt nur Outputs. Und dieser Output lautet: keine Indians mehr in Marysville.