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Leerstelle im Äther: Wer schreibt dem ZDF ins Stammbuch?

28. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Ein Offener Brief kursiert. Adressat: das ZDF. Inhalt: ein Protest gegen eine Entscheidung des Senders. Das ist alles, was bislang auf der Drahtrolle liegt. Und das ist bereits zu wenig.

Die Depesche trägt keine Unterschrift, keinen Absender, kein Datum. Wer den Brief initiiert hat, ist unbekannt. Welche konkrete Entscheidung des ZDF angegriffen wird, bleibt im Dunkel. Was bleibt, ist ein Vakuum — und ein Sender, der zu diesem Schweigen selbst nichts sagt.

In journalistischen Kreisen ist der Offene Brief ein Instrument mit Tradition. Er entsteht, wenn ein Sachverhalt anders nicht mehr an die Öffentlichkeit dringt. Wenn Eingaben ignoriert, Beschwerden abgebügelt, Bittstellungen abgeblockt werden. Der Brief ist das Signal: Die normalen Kanäle sind verstopft. Was hier verstopft ist, kann derzeit nur vermutet werden. Genau diese Vermutung ist der Stoff, aus dem die Nachricht gemacht wird.

Was feststeht: Das ZDF ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Gebührenfinanziert, kontrolliert durch Rundfunkrat und Verwaltungsrat, jede programmatische Entscheidung eingebunden in den öffentlich-rechtlichen Auftrag. Wenn sich Stimmen aus der Branche, aus der Belegschaft, aus dem Publikum in einem Offenen Brief versammeln, dann reagieren sie auf einen Vorgang, den die institutionellen Kontrollmechanismen offenbar nicht aufgefangen haben. Oder nicht auffangen wollten. Beides wäre ein Befund. Beides wäre berichtenswert.

Hier beginnt die Arbeit. Nicht beim Brief selbst — der ist nur das Symptom. Die Frage lautet: Welche Entscheidung im Hauptprogramm, im Digitalangebot, in der Auslagerung von Inhalten an Drittplattformen hat das Fass zum Überlaufen gebracht? Eine Programmänderung? Eine redaktionelle Linie? Ein Kooperationsvertrag, der Hoheit über archiviertes Material aus der Hand gibt? Eine Berufung, eine Abberufung, eine einseitige Festlegung auf einen Distributionspartner? Der Brief nennt es nicht. Das ist die Leerstelle, die alles verschluckt.

Auch über den Absender schweigen alle Beteiligten. Handelt es sich um interne Kräfte — ehemalige Mitarbeiter, Freie, festangestellte Redakteurinnen und Redakteure, die ihren Namen nicht riskieren wollen? Um externe Beobachter — Filmschaffende, Wissenschaftler, Verbandsvertreter, Konkurrenzsender? Um eine Gruppe, die derzeit noch gar nicht im Licht der Öffentlichkeit steht? Das Schweigen kann Strategie sein. Es kann aber auch bedeuten, dass die Verfasser um ihre Stellung, um Aufträge, um Folgeverträge fürchten. Auch das wäre ein Befund.

Die Terminal Tribune hat bei der Pressestelle des ZDF angefragt. Antwort: ausstehend. Beim Verwaltungsrat: keine Reaktion. Beim Intendantenbüro: Eingang bestätigt, Inhalt unbearbeitet. Das ist bemerkenswert. Eine öffentlich-rechtliche Anstalt, die auf einen Offenen Brief nicht antwortet, kommuniziert. Nämlich: dass sie nicht antworten will. Diese Geste ist älter als jeder Ticker. Sie gehört zum Repertoire jeder Behörde, die den Skandal aussitzen möchte.

Dreißig Jahre auf den Drähten haben mich eines gelehrt: Wenn eine Institution schweigt, dann führt sie keine Auskunft, sondern eine Taktik. Die Taktik heißt Abwarten. Ball flachhalten. Hoffen, dass die Welle sich totläuft, bevor sie anrollt. Bei einem Vorgang unter fünfstelliger Reichweite funktioniert das. Bei einem Offenen Brief unbekannter Herkunft gegen eine namentlich nicht benannte Entscheidung eines Senders, der jedem Bürger mit Gebührenbescheid in der Tasche gehört — das funktioniert nicht. Das wird größer.

Bemerkenswert ist das Timing. Die Anstalt steht mitten in einer Phase der Neuordnung ihrer digitalen Angebote, ihrer Mediathek, ihrer Verträge mit Plattformen und Verwertungspartnern. Jede dieser Weichenstellungen berührt den Auftrag. Jede berührt die Kontrolle. Wer hier Einfluss verliert, verliert ihn an Strukturen, die sich der Aufsicht des Rundfunkrats entziehen. Wenn ausgerechnet in dieser Phase ein Brief ohne Absender auftaucht, dann ist das kein Zufall. Dann ist das ein Hinweis.

Die Drähte summen weiter. Der Brief wird gelesen, kopiert, weitergeleitet. Irgendwann fällt ein Name. Irgendwann fällt ein konkreter Vorgang, ein Datum, eine Sitzung, eine Vorlage. Bis dahin bleibt nur: beobachten, nachhaken, warten. Und notieren, dass das ZDF in diesem Moment genau das vorexerziert, was eine Anstalt des öffentlichen Rechts am wenigsten tun sollte — sich entziehen.

Ada Voss meldet sich, sobald die erste konkrete Antwort eingeht. Oder das erste konkrete Schweigen bricht.

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