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Sechs Lakh Prüflinge, offene Türen: Anatomie eines Prüfungslecks

29. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Bhiwandi, Hajipur, Patna — die Orte klingen wie Relaisstationen aus meiner alten Telegraphistenzeit. Was hier verdrahtet wird, ist jedoch eine Karte der digitalen Sorglosigkeit. Am 27. Juni 2026 sagten die Behörden die Maharashtra Teacher Eligibility Test (TET) ab, einen Tag vor dem Termin, weil ein Teil des Fragebogens im Umlauf war. Rund 600.000 Kandidatinnen und Kandidaten standen vor verschlossenen Sälen. Drei Festnahmen folgten in Thane. Am 25. Juli 2026 griff die Bhiwandi-Polizei den mutmaßlichen Hauptverdächtigen Bijendra Gupta aus dem Samastipur-Distrikt in Bihar — er wurde nach Pune geflogen und soll dort einem Gericht vorgeführt werden. Mit ihm ging ein Komplize namens Indrajit Singh in Gewahrsam. Die Gesamtzahl der Festnahmen liegt nun bei 14.

Die Festnahme beantwortet die Frage nach dem Wer. Die spannendere Frage ist das Wie.

Wer einen Fragebogen durch eine Republik schleusen will, braucht drei Dinge: Zugang zum Original, einen Verteilkanal und Empfänger, die vor der Prüfung sitzen. Im Fall TET führt die Spur über ein „Quick Digital Cyber Cafe" an der Kachhari Road im Hajipur-Distrikt, durchsucht am 1. Juli. Drei Personen, darunter der Betreiber Sonu Kumar, wurden vernommen. Guptas Frau Suman Kumari wurde am selben Tag im Agamkuan-Polizeibereich von Patna festgenommen, nachdem Anrufdaten und Finanzströme sie mit dem Netzwerk verknüpft hatten. Bereits in Haft: Pawan Kumar aus Delhi und Hariom Panu aus Haryana. Das Racket spannte sich über Delhi, Agra, Bihar und Haryana.

Ein Internetcafé als Verteilerknoten ist keine Spontanlösung, sondern Architektur. Wo zentrale, gesicherte Kanäle fehlen, weicht die Verteilung auf öffentlich zugängliche Druck- und Versandwege aus. Das wahrscheinlichste Bild: Eine oder mehrere Quellen innerhalb der Prüfungsinstitution zweigten das Material während Druck, Lagerung oder Verteilung ab. Die Cyber-Infrastruktur danach ist nachgelagert.

Parallel: der NEET-Skandal. Am 25. Juli 2026 abends wurde Tej Pratap Yadav, Vorsitzender der Janshakti Janata Dal, in einem Einkaufszentrum in Patna festgenommen — laut Anwalt Jagannath Singh um 19:30 Uhr. Die FIR wurde erst am 26. Juli registriert. Er hatte sich kurz zuvor einer Sitzblockade am Ram Gulam Chowk angeschlossen, die sich gegen das NEET-Leak richtete. Am Tag darauf schlugen die Proteste in Gewalt um; in Siwan schoss die Polizei und verletzte drei Demonstranten. Jan-Suraaj-Gründer Prashant Kishor spricht von politisch motivierter Drangsalierung durch die BJP. Die Polizei äußerte sich nicht zu den Vorwürfen des Anwalts.

Das dritte Bild liefert Karnataka. Am 24. Juli 2026 registrierte die Vidhana-Soudha-Polizei eine FIR zur Rekrutierung von 400 Tierärzten durch die Karnataka Public Service Commission (KPSC). Beschwerdeführer ist Dr. Manjunatha, 30. Die Anzeige nennt den suspendierten KPSC-Vorsitzenden Shivashankarappa S. Sahukar, weitere KPSC-Offizielle und 29 erfolgreiche Kandidaten. Vorwürfe: OMR-Bogen-Manipulation, Vetternwirtschaft, Fragebogenleckage, Verkauf vertraulicher Kandidatendaten. Vermittler sollen Bewerber in Hotels außerhalb der Prüfungszentren gebracht und dort mit Fragebögen samt Lösungen versorgt haben. Manche Kandidaten ließen auffällig viele Fragen unbeantwortet — ein Hinweis auf nachträgliche Bogenmanipulation. 80 Lakh Rupien seien gefordert worden, 40 Lakh als Anzahlung, Rest nach Anstellung. Audio- und Videoaufnahmen wurden eingereicht.

Die KPSC-Affäre zeigt das vollständige Bedrohungsbild. Es geht nicht nur um gestohlene Fragebögen, sondern um Zugriff auf OMR-Bögen nach der Prüfung, auf personenbezogene Daten der zugelassenen Kandidaten und auf das Ranking. Wer all das kontrolliert, kontrolliert nicht das Examen, sondern das Ergebnis.

Was technisch versagt hat, lässt sich in drei Begriffen fassen. Erstens: keine durchgehende Verschlüsselung und lückenlose Auditkette vom Druck bis zum Prüfungssaal. Zweitens: keine manipulationssichere Auswertung der OMR-Bögen — wird der Antwortbogen nach der Prüfung verändert, nützt die beste Fragebogensicherung nichts. Drittens: kein funktionierendes Insiderrisikomanagement — wer mit Originaldokumenten und Kandidatendaten arbeitet, hinterlässt Spuren; diese Spuren werden offenbar zu spät oder gar nicht ausgewertet.

Ob externe Akteure über kompromittierte Dienstleister eindrangen, sogenannte Supply-Chain-Angriffe, bleibt offen. Bei drei parallelen Skandalen in drei Bundesstaaten, in denen jeweils Insider benannt werden — der Café-Betreiber Sonu Kumar mit direkter Linie zum Hauptverdächtigen, der suspendierte KPSC-Vorsitzende — spricht die Häufigkeit jedoch eine deutliche Sprache. Drei unabhängige externe Hochkomplex-Angriffe gleichzeitig: unwahrscheinlich. Systematisch ausgenutzte interne Sicherheitslücken: wahrscheinlich.

Sechs Lakh Prüflinge. Vier Bundesstaaten. Zwei Prüfungssysteme. Eine durchgehende Spur — das Fragebogen-PDF ist nicht die Schwachstelle, sondern die Kette menschlicher Hände, durch die es wandert: Druckerei, Lager, Kurier, Bezirksbehörde, Zentrum, Auswertung. Wer diese Kette kontrolliert, hält nicht eine Prüfung in der Hand. Er hält sechshunderttausend Karrieren.

Ich bin Ada Voss. Die Drähte summen weiter.

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