Die Hasenpopo-Lüge: Wie ein TikTok-Gerücht um die Welt ging
Die Drähte summen. Diesmal nicht mit Morsezeichen aus den Hauptquartieren der Welt, sondern mit etwas weitaus Trivialerem — und gerade deshalb nicht weniger aufschlussreich. Ein Gerücht geht um den Globus, so absurd, dass es fast schon wieder plausibel wirkt: Boba-Pearls, jene schwarzen Kugeln im Bubble Tea, seien nichts anderes als Kaninchenkot. Produziert. Per Stück. Von einem fleißigen Nager im Hinterzimmer.
Ich übersetze: Nein.
Beginnen wir bei der Quelle. Auf der Plattform TikTok verbreitete sich vor rund einer Woche ein Clip unter dem Titel „What Is Boba Made Out of Rabbit". Eine Erzählerin gibt vor, ihr sei erzählt worden, die Perlen würden „von einem winzigen Tier einzeln ausgeschieden" — als wäre das Tapioka-Gebräu nichts weiter als das Verdauungsprodukt eines überarbeiteten Stallbewohners. Hashtags wie #CursedThoughts und #ChaoticEnergy begleiteten das Video. Reichweite: beachtlich. Substanz: keine.
Die Mechanik dahinter ist altbekannt. Ein witziger Einfall wird gepostet, jemand nimmt ihn ernst oder will es nicht mehr wissen, und schon pflanzt sich die Behauptung fort wie eine schlecht geerdete Funkeinheit. Was mich an der Sache interessiert: nicht nur die Widerlegung des Inhalts, sondern die Frage, wie ein offensichtlicher Scherz zur vermeintlichen Information werden konnte.
Die Fakten sind eindeutig. Boba-Pearls werden aus Tapiokastärke hergestellt, gewonnen aus der Maniokwurzel, einer in Südamerika beheimateten Pflanze. Die Stärke wird zu Teig verarbeitet, in Kugelform gebracht und — hier kommt der einzige leicht unappetitliche Teil der Prozedur — in einer Lösung aus braunem Zucker oder Honig mehrere Minuten geköchelt, bis sie ihre charakteristische gummiartige Konsistenz erreichen. Kein Tier beteiligt. Keine Ausscheidungen. Nur Botanik und ein wenig Chemie.
Die Plattform USA Today hat das bereits am 20. Dezember 2021 in einem Fact-Check klargestellt. Unter der Überschrift „Fact check: Bubble tea is made with tapioca pearls, not goat feces" hieß es: „Die Fotos zeigen Tapioka-Pearls, keinen Ziegenkot." Damals war es Ziegenkot, der durch die Drähte rauschte — heute Kaninchenkot. Das Sujet wandert, die Absurdität bleibt.
Auf Reddit, im Subforum r/Rabbits, meldete sich am 14. Dezember 2021 eine Kaninchenbesitzerin zu Wort. Sie veröffentlichte ein Foto ihrer Boba-Pearls neben ihrem Getränk und schrieb trocken: „Das ist kein Kaninchenkot — das sind Schafslosungen oder etwas Ähnliches. Größe und Farbe stimmen nicht." Ihre Schwiegermutter habe sich einen Moccha bestellt, sie selbst trank Boba. Der Beitrag zeigt exemplarisch, wie Tierhalter mit dem Gerücht umgingen: mit einer Mischung aus Belustigung und sachlicher Richtigstellung.
Auch auf YouTube taucht das Motiv erneut auf, als Kurzvideo unter dem Titel „Pearls are Rabbit Poop?" — garniert mit Emojis, die Ekel signalisieren sollen: 🤢🧋. Die Mechanik ist immer dieselbe: ein kurzer Schreckmoment, ein verwackeltes Bild, eine unbelegte Behauptung. Wer nicht weiterklickt, bleibt mit dem Ekel zurück.
Worauf ich hinauswill: Es geht hier nicht um Bubble Tea. Es geht um die Übertragungsgeschwindigkeit von Unsinn. In meiner alten Welt — Telegraphie, Funk, Radar — wusste man: Ein Signal, das einmal auf der Leitung sitzt, lässt sich schwer wieder einfangen. Heute sind die Leitungen kürzer, die Endgeräte greifen häufiger zu, und die Redaktion der Empfänger fehlt oft. Wer profitiert? Die Plattformen, deren Reichweite nach Klicks bemessen wird, nicht nach Wahrheit. Wer zahlt den Preis? Der Empfänger, der mit jedem Clip eine neue Behauptung aufnimmt, ohne sie zu prüfen.
Die Hasenpopo-Lüge ist harmlos. Wer sie glaubt, trinkt morgen seinen Bubble Tea trotzdem. Aber das Muster — ein Video, eine Behauptung, eine Welle — verdient Aufmerksamkeit. Denn morgen geht es vielleicht nicht mehr um Tapioka, sondern um etwas, das wirklich zählt. Dann hilft kein Hashtag der Welt.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Frequenz bleibt sauber. Bis zum nächsten Klingeln.