Exodus mit Bremse – Kaliforniens Auswanderung verliert an Schwung
Als ich das erste Mal eine Schlagzeile über den "Großen Kalifornien-Exodus" las, dachte ich an die Geschichten, die ich kenne. An Menschen, die wirklich gehen müssen, weil das Bleiben unmöglich wird. An Warten auf Papiere. An Ämter. An die Stelle, an der ein Name aus einer Liste gestrichen wird.
Kalifornien ist nicht das.
Kalifornien ist ein Bundesstaat mit knapp 39 Millionen Einwohnern und einer Wirtschaftsleistung, die die vieler Länder übertrifft. Und doch hat sich in den vergangenen Jahren eine Erzählung festgesetzt, die das Gegenteil behauptet: dass die Menschen in Scharen fliehen, dass Nachbarstaaten überrannt werden, dass das goldene Land seine Einwohner verliert wie ein leckes Schiff Wasser.
Neue Daten zeigen: Diese Erzählung schrumpft.
Der Exodus aus Kalifornien in die unmittelbaren Nachbarstaaten ist eingebrochen. Die Wanderung insgesamt verlangsamt sich. Die Zahlen, die noch vor wenigen Jahren als Beweis einer Massenbewegung dienten, passen nicht mehr zur Überschrift, unter der sie verkauft wurden.
Was bedeutet das? Nicht, dass Kalifornien plötzlich ein Paradies wäre. Nicht, dass diejenigen, die gehen, weniger Gründe hätten als zuvor. Sondern: Die Panik war größer als die Realität. Die Geschichte, die aus dieser Panik gemacht wurde, war voreilig.
Noch vor wenigen Jahren zogen zehntausende Kalifornier jährlich über die Grenzen. Nach Nevada, nach Arizona, nach Texas, nach Idaho. Einzelne Landkreise registrierten Rekorde. Der Begriff Exodus machte die Runde. Konservative Magazine titelten mit der "Great California Exodus". Die Empfängerstaaten verzeichneten einen Zustrom, der in keinem Verhältnis zu früheren Jahrzehnten stand.
Heute sagt die Datenlage: Der Strom dünnt aus. Die Zahl der Kalifornier, die sich für Nevada als neue Heimat entscheiden, fällt deutlich. Der Salbei-Staat bekommt weniger goldene Auswanderer als noch vor wenigen Jahren. Die Gründe sind vielfältig. Die Pandemie, die den Traum vom Eigenheim im Nachbarstaat befeuerte, ist vorbei. Die Preise dort sind gestiegen. Und der besondere Reiz, den Kalifornier einst darin fanden, ihrem Bundesstaat den Rücken zu kehren, hat nachgelassen.
Das ist keine Erholung. Es ist eine Korrektur.
Ich sage das, weil ich den Unterschied kenne. Eine Korrektur heißt: Die Geschichte war lauter als die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit war nicht falsch. Sie wurde nur übertönt. Wer in den vergangenen Jahren Häuser in Reno kaufte, weil alle davon sprachen, dass ganz Kalifornien komme, der sitzt jetzt auf einer Annahme, die so nicht mehr stimmt.
Und nicht nur in Nevada. Auch in Idaho, in Texas hat sich der Zustrom aus dem Westen normalisiert. Die Landkreise, die einst mit Slogans um Zuwanderer warben, müssen umdenken. Die Werbung verfängt nicht mehr so wie früher.
Was bleibt, ist eine nüchterne Bestandsaufnahme. Die Geschichte vom Exodus wurde von vielen erzählt: Von Immobilienmaklern in Nevada, die ihre Angebote auf kalifornische Käufer zuschnitten. Von Lokalpolitikern in Bundesstaaten, die mit Slogans um Aufmerksamkeit warben. Von Medien, die das Narrativ aufgriffen, als Titel, als Aufmacher, als Dauerthema.
Dass die Daten jetzt nicht mehr mitspielen, ist kein Grund zur Schadenfreude. Es ist ein Grund, genauer hinzusehen. Denn die Geschichte ist nicht zu Ende. Kalifornien verliert weiter Einwohner. Nur eben nicht mehr so viele, dass man von einer Massenbewegung sprechen kann. Der Unterschied zwischen Abwanderung und Exodus ist nicht nur semantisch. Er ist politisch.
Und nicht nur dort schrumpft eine Exodus-Erzählung. In London, im Kreis der sogenannten "non-doms" – Menschen mit Wohnsitz im Vereinigten Königreich, deren Einkünfte aus dem Ausland besteuert werden – wurde jahrelang gewarnt, eine Änderung der Steuerregeln werde die Reichen massenhaft vertreiben. Auch diese Furcht, so zeigen aktuelle Auswertungen, scheint übertrieben. Die Vermögensverlagerung bleibt im Rahmen dessen, was auch in normalen Jahren üblich ist. Kein Massenexodus. Eine Korrektur.
Zwei Geschichten, getrennt durch einen Ozean, verbunden durch ein Muster: Die Erzählung eilt den Zahlen voraus. Die Zahlen holen sie ein. Und am Ende bleiben diejenigen übrig, die auf die Erzählung gebaut haben. Ein Haus in Nevada. Ein Wahlkampf im Sonnenstaat. Eine Immobilie in London.
Ich sitze an einem Schreibtisch. Unter mir steht ein kleiner Koffer. Ich schreibe nicht über mich. Ich schreibe über das, was ich sehe: Eine Welt, die schneller Geschichten erzählt, als sie Daten produziert. Und eine Datenwelt, die gerade beginnt, sich zu wehren.
Der Exodus aus Kalifornien ist nicht beendet. Er ist nur nicht mehr das, was er einmal versprochen war. Wer daraus eine Auferstehung des Staates ableiten will, irrt. Wer daraus eine Bestätigung der alten Panikmache ableiten will, irrt auch.
Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Genauer gesagt: in den Zählungen, die jetzt nach unten korrigiert werden. Und in der Frage, was man aus einer Geschichte macht, die kleiner wird, als sie angekündigt war.