← Zurück zur Titelseite Technologie

Drei Minuten nach Riedlingen: Das System, das den Hang übersah

30. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Riedlingen, 27. Juli 2025, früher Abend. Der RE 55 hat gerade den Bahnhof verlassen, Sigmaringen liegt hinter ihm, Ulm vor ihm, und auf den Schienen liegt eine Stunde Regen — 28 Liter pro Quadratmeter, gefallen in sechzig Minuten, gefallen auf einen Boden, der schon vorher nichts mehr schlucken wollte. Drei Minuten später ist der vordere Triebwagen nicht mehr auf den Schienen. Er wird eine Böschung hinaufgeschoben, prallt gegen einen Baum, die Front reißt ab. Der Kontakt bricht ab. Eine 70-Jährige, ein 32-jähriger Lokführer, ein 36-jähriger Auszubildender sterben. 36 Passagiere werden verletzt, darunter zwei Kinder im Alter von sieben und 13 Jahren. Neun Minuten später wird die Strecke gesperrt.

Die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung in Bonn hat jetzt, knapp ein Jahr später, ihren Bericht vorgelegt. Die Ursache: Hangrutsch infolge von Starkregen. Das wussten die Ermittler schon nach Stunden. Was der Bericht aber offenlegt, ist nicht das Wetter. Es ist das, was an Drähten und Regeln fehlte, als das Wetter kam.

Ich habe als Telegraphistin angefangen. Man lernt früh: Ein Signal, das niemand hört, ist kein Signal. Eine Warnung, die nirgends angeschrieben steht, ist ein frommer Wunsch. In Riedlingen waren die Fahrdienstleiter in Riedlingen und Rechtenstein nach eigener Aussage beunruhigt. In Telefonaten sprachen sie von „Weltuntergangsstimmung" und davon, dass das Wetter „beschissen" sei. Das war kein Zufall. Das war Erfahrung, gesprochen zwischen zwei Menschen, die wissen, was ein gesättigter Boden anrichtet, wenn eine Gewitterfront über Oberschwaben zieht. Nur: Eine Handlungsanweisung, wie sie mit dem angekündigten Starkregen hätten umgehen müssen, lag nicht vor.

Das ist der Kern. Nicht der Hang. Die fehlende Vorschrift.

Und gleich dahinter der zweite Versager, der in den Vorschriften selbst steckt. Eine Regel sagt: erst Sicherheit, dann Pünktlichkeit. Eine andere verlangt eine maximale Betriebsqualität — also Pünktlichkeit. Die Autoren des Berichts formulieren es trocken: „Beiden Anforderungen können Fahrdienstleiter nicht immer konfliktfrei gerecht werden." Übersetzt: Wer anhält, muss sich rechtfertigen. Wer weiterfahren lässt, braucht keinen Grund.

Ich höre das auf den Drähten. Das ist nicht neu. Damals hieß es wirtschaftliche Notwendigkeit, heute Betriebsqualität. Die Mechanik ist die gleiche. Ein Personalstand, der an einem Sommerabend zwischen zwei kleinen Stellwerken zwei Leute sitzen hat, die das Wetter im Ohr haben und sonst nichts. Kein Sensor in der Böschung. Keine automatische Meldung für Hangrutsche. Kein Frühwarnsystem, das den Dispatcher warnt, dass sich oberhalb der Strecke ein Hangkörper bewegt. Die Strecke ist nicht elektrifiziert — eine Oberleitung gibt es dort nicht. Modernes ETCS mit kontinuierlicher Überwachung, wie es elektrifizierte Schnellstrecken kennen, fehlt auf dieser Nebenstrecke ohnehin.

Und dann fährt der RE 55 mit hundertfünfzig Sachen in eine Schlammlawine, die seit einer Stunde auf ihn wartet.

Man kann das nicht schönreden. Was an dieser Strecke fehlte, war kein Stück Zukunft, sondern ein Stück Gegenwart. Neigungsmesssensoren kosten Geld, aber sie kosten weniger als ein einziger geborstener Triebwagen. Bodensonden, die Wassergehalt und Schubkräfte messen, sind keine Magie. Drohnenbefliegung nach Dauerregen ist Stand der Technik — in der Schweiz, in Österreich, in Italien. In Baden-Württemberg offenbar nicht an dieser Stelle.

Die Bahnstrecke war monatelang gesperrt. Dreihundert Meter Gleis neu, siebenhundert Meter Schiene, fünfhundert Betonschwellen, Signalkabel ausgetauscht. Alles kaputt, alles von Hand wieder eingebaut, weil ein Hang in einer Stunde Regen tat, wofür er sonst Jahre gebraucht hätte.

Die Staatsanwaltschaft Ravensburg ermittelt noch. Man wartet auf das geologische Gutachten. Was auch immer es bescheinigt — die geologische Schuldfrage ist nicht die einzige. Sie ist vielleicht die bequemste. Schuld tragen auch die Vorschriften, die das Wetter nicht kannten. Schuld trägt das Budget, das für Sensortechnik an kleinen Strecken keine Posten vorsah. Schuld trägt die Annahme, ein Stück Schiene zwischen Riedlingen und Rechtenstein sei eines Sommerabends nicht gewachsen.

Drei Tote. Zwei Kinder unter den Verletzten. Die Drähte summten an diesem Abend. Nur: Niemand hatte die Erlaubnis, sie zu unterbrechen.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite