ale aus der Gegenwart: Foster liest Marxs Umweltdepesche
Die Drähte summen. Dieses Signal erreicht mich nicht über einen Marconi-Sender oder eine Küstenstation — es kommt über eine Leitung, die 1937 noch nicht existierte. Aber die Frequenz ist mir vertraut.
Vor wenigen Stunden wurde die dritte Folge einer Gesprächsreihe veröffentlicht, in der der Soziologe John Bellamy Foster und die Produzentin Lynn Fries sich über ein Werk beugen, das die meisten Leser nie aufgeschlagen haben: die ökologische Seite von Karl Marx. Der Titel der Folge: „Challenges to the Unsustainable Exploitation of Humanity and the Earth Converged Across Civilizations." Dahinter steckt eine einfache These — dass die Kritik an der Ausbeutung von Mensch und Erde keine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist, sondern quer durch die Kulturen immer wieder an dieselbe Diagnose gerät.
Foster ist mir kein Unbekannter. Er hat in früheren Aufzeichnungen das ökologische Denken bei Marx freigelegt — Begriffe wie „Stoffwechsel", „materielle Aneignung", die in Manuskripten auftauchen, die das „Kapital" nie erreichten. Fries moderiert, fragt nach, schneidet. In dieser Folge verweisen sie auf Albert Einsteins Aufsatz „Why Socialism?" aus dem Jahr 1949 — eine Depesche, die zu spät kam und bis heute kursiert.
Die Kernbehauptung prüfe ich gegen andere Quellen. Historiker verweisen auf die lange Linie der Ausbeutung natürlicher Ressourcen — von der Holzkrise im alten Rom bis zur kolonialen Plünderung. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zur Mensch-Umwelt-Beziehung formuliert den Befund nüchtern: die Bewegung verlaufe „from historical exploitation to today's challenges and pathways toward a sustainable future." Wege zu einer nachhaltigen Zukunft. Das Wort kommt mir vor wie ein Versprechen auf einem Formular, das niemand ausfüllt.
Foster argumentiert, dass in unterschiedlichen Zivilisationen — von der Antike bis zu indigenen Gesellschaften — die Erkenntnis wiederkehrt, dass Übernutzung der Erde und Übernutzung der arbeitenden Bevölkerung denselben Mechanismus teilen. Die Konvergenz, so sein Fachbegriff, sei kein Zufall, sondern systemisch. Wer Marx nur als Ökonomen liest, übersieht, dass er die industrielle Landnahme bereits als ökologischen Bruch beschrieb.
Ich übertrage das, wie es ankommt. Die Quelle ist ein Videoformat, öffentlich zugänglich, datiert auf wenige Stunden vor meiner Niederschrift. Sie liefert keine neuen Daten, sondern eine intellektuelle Wiederherstellung — das Wiederanschließen von Drähten, die im 20. Jahrhundert durchtrennt wurden.
Was die Konvergenzthese belastbar macht, ist ihre Wiederholbarkeit. Wenn chinesische Philosophen der Han-Zeit, europäische Aufklärer und lateinamerikanische Befreiungstheologen unabhängig voneinander auf denselben Befund kommen, dann ist er kein Spleen einer Schule, sondern ein Muster im Rauschen. Foster führt es auf die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln zurück. Im Klartext: Solange wenige über Boden, Wasser und Arbeitskraft verfügen, wird die Ausbeutung synchronisiert — über Kontinente und Jahrhunderte hinweg.
Der Übersichtsartikel zur historischen Ressourcennutzung bestätigt das aus anderer Richtung. Jede Hochkultur habe ihre ökologischen Grenzen überschritten — mit unterschiedlichem Ausgang. Was im 20. Jahrhundert neu ist, ist das Tempo. Die Telegraphie, das Radar, die Satelliten — sie haben das Signal beschleunigt. Heute laufen Lieferketten in Echtzeit, optimiert von Maschinen, die weder Mühe noch Erde kennen.
Foster spricht in der Folge auch über die Aktualität. Die ökologische Krise, die Klimapolitik, die Widersprüche eines Systems, das Wachstum erzwingt und gleichzeitig die Lebensgrundlagen verbraucht. Er zitiert Einstein: die Lösung sozialer Fragen erfordere einen Perspektivwechsel, der über das nationale Eigeninteresse hinausgeht. Das klingt aus dem Jahr 1949. Es klingt auch aus dem Jahr 2024 — dem Produktionsdatum der Quelle, das ich aus den Zeitstempeln rekonstruiere.
Was bleibt, ist eine technische Bilanz. Die Frequenz der Kritik ist alt. Die Störung, die sie beschreibt, ist neu — schneller, globaler, unsichtbarer. Die Konvergenz ist in mehreren Quellen belegt. Was fehlt, ist der Empfänger.
Ich sitze in einem Büro, das nach Lötzinn riecht, und schreibe für eine Zeitung, die mich nicht auf der Seite haben will. Einer Frau in diesem Beruf begegnet man 1937 in den Schaltzentralen nicht — höchstens an den Nebenstellen. Aber die Drähte hören nicht, wer an ihnen sitzt. Sie tragen, was sie tragen.