VERSCHOLLEN IN DEN AKTEN — UND EIN WAHLKAMPF SCHAUT ZU
Pomona, Kalifornien, Sommer 2021. Eine Fünfjährige namens Grace weint am Empfangszelt des Fairplex. Sie sucht ihre siebenjährige Schwester. Niemand kann ihr sagen, wo das Mädchen ist. So steht es in den Aufzeichnungen einer Whistleblowerin, die sechs Monate dort arbeitete.
Unter Xavier Becerra, damals Gesundheitsminister unter Präsident Biden, sind zwischen 2021 und Anfang 2025 fast 480.000 unbegleitete Minderjährige über die Südgrenze in die Obhut des Bundes gelangt. Das Gesundheitsministerium — HHS — war per Gesetz verpflichtet, sie zu schützen. Eine Untersuchung der New York Times aus dem Jahr 2023 kam zu dem Ergebnis, dass die Behörde mehr als 85.000 Kinder nicht erreichen konnte, ein Drittel der Minderjährigen aus den Augen verlor. Chris Clem, ehemaliger leitender HHS-Berater, 27 Jahre im Grenzschutz, zuletzt Chef des Yuma-Sektors in Arizona, sagt der New York Post: Die wahre Zahl der Vermissten liege weit höher, mindestens 130.000. „Das war die größte Grenzkrise unseres Lebens und die größte Zahl von Kindern — das geht auf den Schreibtisch des Ministers, und er hätte den Puls täglich fühlen müssen."
Im Juli 2021 hatte Becerra das Fairplex-Gelände besucht und es als „Modell" bezeichnet. Die Whistleblowerin, eine Amerikanerin salvadorianischer Herkunft und Mutter zweier Kinder, berichtet anderes: Kinder, die nachts um zwei oder drei Uhr geweckt, mit kleinen Tüten abgefertigt und an Sponsoren übergeben wurden, deren Verbindung zu ihnen nie überprüft worden sei. Geschwister, die man trennte. Eine Vierzehnjährige, die nach einer Vergewaltigung schwanger wurde, angeblich zuvor von ihrer selbsternannten Tante zur Sexarbeit gezwungen. Adressen, an die niemand nachfasste. Auch gefälschte Dokumente seien anstandslos akzeptiert worden.
Die Vorwürfe gingen an Steve Hilton, den republikanischen Herausforderer Becerras im Rennen um das kalifornische Gouverneursamt. Hilton machte sie öffentlich. Eine Umfrage des Public Policy Institute of California sieht den Demokraten trotzdem mit 61 zu 36 Prozent vorn. Die Wahl: 3. November.
Nüchtern gefragt: Hier stoßen zwei Maschinen aufeinander. Die eine ist eine Verwaltung, die Zahlen führt, aber keine Verantwortung dafür trägt, dass die Zahlen stimmen. Die andere ist ein Wahlkampf, der ausgerechnet jene Zahlen zum Material macht, die kein Mensch überprüfen kann. Beide Seiten brauchen, dass die Kinder unsichtbar bleiben. Die Verwaltung, weil jedes auftauchende Kind eine sichtbare Lücke wäre. Der Wahlkampf, weil jede Lücke Munition ist.
Hören wir genauer hin. Die New York Post berichtet — und sie ist ein Boulevardblatt mit klarer konservativer Linie. Sie schreibt gegen Becerra. Wer profitiert? Hilton profitiert, seine Partei profitiert, seine Spender profitieren. Wer zahlt den Preis? Die Whistleblowerin, die ihren Namen riskiert hat. Die Kinder, deren Geschichten zur Wahlkampfmunition werden. Die Leser, die irgendwann nicht mehr unterscheiden können, was Recherche ist und was Material für den November ist.
Clem spricht von einem „Mangel an Verantwortlichkeit" innerhalb des Ministeriums. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist ein Verwaltungsvakuum. Eine Behörde, die für 480.000 Akten zuständig ist, aber kein funktionierendes System hat, das ihr sagt, wo jedes einzelne Kind geblieben ist — das ist keine Panne. Das ist eine Architektur. Architekturen baut man nicht aus Versehen. Sie werden gebaut, weil sie für jemanden funktionieren.
Was die Technik angeht: Ich habe als Telegraphistin angefangen, kam dann zum Funk, dann zum Radar. Eine Leitung, die summt, ist ehrlich. Sie sagt nichts, wenn sie nichts zu sagen hat. Hier aber wird Stille produziert. Akten werden gefüllt. Sponsoren werden „verifiziert" — angeblich. Kinder werden „wiedervereint" — mit wem, weiß am Ende niemand. Wenn eine Zeitung fragt, gibt es Zahlen, die nicht stimmen können, weil sie zu klein sind, und Zahlen, die nicht stimmen können, weil sie zu groß sind.
Wer kontrolliert die Erzählung? Das HHS sprach von 85.000 Verlorenen. Clem, ein Insider, spricht von 130.000. Hilton nutzt die Differenz. Die Whistleblowerin liefert die Geschichten, die jeder ohne Schutzschild weitergeben kann. Becerra verteidigt seine Bilanz. Townhall, LegitGov und Politomix greifen den Rahmen auf, ohne eigene Zählung. Das macht die Geschichte nicht falsch. Es macht sie auch nicht wahr. Es macht sie zum Rohstoff.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Frauen hatten 1937 in diesem Beruf nichts verloren. Ich schreibe trotzdem. Grace ist fünf und sucht ihre Schwester. Hört endlich hin. Nicht weil die eine Seite lügt und die andere die Wahrheit sagt. Sondern weil das System, das diese Kinder führt, so gebaut ist, dass niemand mehr nachweisen kann, wo sie geblieben sind — und genau diese Beweislosigkeit ist der Treibstoff, mit dem alle Maschinen laufen.