Leak aus Belgrad: Ex-Verbandschef Kokeza soll Vidić eingeschüchtert haben
Es beginnt, wie viele Skandale der Gegenwart beginnen: in den Tiefen digitaler Archive. In Belgrad sind Chat-Nachrichten aufgetaucht, die einen ehemaligen Spitzenfunktionär des serbischen Fußballverbands schwer belasten. Slavisa Kokeza, einst Chef des Verbands, soll in privaten Konversationen aus dem Jahr 2020 die gewaltsame Einschüchterung von Profispielern diskutiert haben. Im Zentrum: Manchester Uniteds Abwehrlegende Nemanja Vidić.
Die Nachrichten, die zunächst über die Plattform Centre Devils an die Öffentlichkeit gelangten und später durch Berichte des internationalen Investigativnetzwerks OCCRP eingeordnet wurden, zeichnen das Bild eines koordinierten Drohszenarios. Berichten zufolge verwendete Kokeza mafiaähnliche Sprache, wandte sich an zwielichtige Kontaktpersonen und bat darum, Leute zu schicken, um das private Umfeld unliebsamer Kritiker unter Druck zu setzen. Es sind genau jene Formulierungen, die in Strafverfahren als belastende Indizien gewertet werden.
Die Liste der Betroffenen liest sich wie ein Verzeichnis der prominentesten serbischen Fußballer der vergangenen Dekade. Neben Vidić, der die Verteidigung von Manchester United über Jahre hinweg prägte und mit dem Klub zahlreiche Titel holte, sollen auch Nemanja Matić und Danko Lazović zu den Zielpersonen gehört haben. Alle drei hatten sich öffentlich gegen Kokezas Führung des Verbands gestellt. Was als legitime Kritik begann, geriet damit offenbar ins Visier eines organisierten Einschüchterungsapparats.
Kokeza selbst hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht öffentlich geäußert. Die politische Reaktion indes kam aus dem Präsidentenpalais: Aleksandar Vučić spielte die Enthüllung herunter und bezeichnete den Inhalt als substanzlos. Eine Reaktion, die in investigativen Kreisen selten als Entwarnung, sondern eher als routiniertes Ablenkungsmanöver gedeutet wird. Parallel reichte ein Anwalt im Namen der Betroffenen Strafanzeige gegen den ehemaligen Verbandschef ein und forderte dessen Festnahme.
Mitte Juli 2026, rund zwei Wochen nach dem ersten Bekanntwerden des Lecks, erstattete Vidić persönlich Anzeige bei der serbischen Polizei. Damit trat der Fall aus den verschlossenen Chat-Blasen in die reale Welt der Justiz. Die entscheidende Frage, die nun im Raum steht, ist so alt wie die digitale Kommunikation selbst: Was geschah nach den Drohungen? Welche konkreten Handlungen folgten den geschriebenen Worten? Welche Mittelsmänner wurden tatsächlich aktiv? Und welche Institutionen hatten Kenntnis von den Vorgängen, ohne einzuschreiten?
An dieser Stelle ist äußerste Vorsicht geboten. Sämtliche Details dieses Lecks beruhen bislang auf einer einzigen Primärquelle, den geleakten Chat-Nachrichten selbst sowie deren Wiedergabe in den genannten Medienberichten. Bevor die Vorwürfe als gesicherte Tatsachen präsentiert werden, bedarf es einer außerordentlich tiefgehenden unabhängigen Verifikation. Eine forensische Untersuchung der digitalen Spuren, eine Prüfung der Authentizität der Absenderkonten und eine gerichtliche Bewertung der Inhalte sind unverzichtbar. Die eingereichte Strafanzeige mag den Weg in eine solche Prüfung ebnen, bestätigt oder gar bewiesen ist bislang nichts.
Die Affäre ist mehr als ein Sportskandal. Sie ist ein Fall über die Schattenseiten moderner digitaler Kommunikation. Was in verschlossenen Chat-Blasen zwischen Funktionären und zwielichtigen Kontakten besprochen wird, hat das Potenzial, Karrieren zu zerstören und im schlimmsten Fall die Sicherheit von Menschen zu gefährden. In einem Land, in dem Fußball mehr ist als ein Spiel, entscheidet sich an diesem Fall auch, wie viel Kontrolle jene ausüben dürfen, die im Hintergrund die Strippen ziehen. Die Aufklärung wird zeigen, ob Belgrad bereit ist, die Drähte offenzulegen, oder ob sie weiter summen, für alle unerreichbar.