KOSPI-CRASHT 10,8 PROZENT: 300 PROZENT RALLYE ENDET ALS HALLUZINATION
Seoul, 28. Juli 2026. Die Drähte summen heute anders als sonst. Südkoreas Leitindex KOSPI stürzt um 10,8 Prozent – an einem einzigen Handelstag. Die Verlustserie zieht sich bereits durch 25 Börsentage. Vom Hoch am 22. Juni dieses Jahres gerechnet, hat der Index 34 Prozent seines Wertes eingebüßt. Die Talfahrt wurde nur von gewaltsamen Sucker Rallies unterbrochen.
Wer den Schock in voller Schärfe hören will, muss den Bleistift an die Schnittkante zwischen den zwei größten Chipbauern der Halbkugel halten. SK Hynix und Samsung Electronics machen zusammen rund die Hälfte des KOSPI aus. Heute verlieren sie synchron: SK Hynix minus 14,4 Prozent, Samsung Electronics minus 13,6 Prozent. Vom Junigipfel aus sind das 48 beziehungsweise 41 Prozent Verlust. Kein Streuungseffekt. Die Kurse fallen im Gleichschritt – zwei Halbleiterriesen, die sich als kollektive Wette auf eine Technologie verkauft haben, deren Fundament gerade unter ihnen wegbricht.
Die Architektur des Falls ist technisch interessant. Als der Index am Morgen durch die Minus-Fünf-Prozent-Linie brach, aktivierte die Korea Exchange einen Sell-Side-Sidecar – programmgesteuerter Verkauf wurde fünf Minuten lang pausiert. Das stoppte nichts. Beim Durchstoßen der Acht-Prozent-Marke legte die Börse einen ersten Circuit Breaker quer: zwanzig Minuten Zwangspause für den gesamten Markt. Auch das stoppte nichts. Die Verkäufe gingen weiter, getrieben von Margin Calls, erzwungenen Verkäufen, Leerverkäufen und blanker Verzweiflung.
Was hier zu sehen ist, ist nicht der Aussetzer eines einzelnen Tages. Es ist die Auflösung einer konsensuellen Halluzination. Wolf Richter, der die Daten zusammenträgt, nennt es beim Namen. Ich übersetze: Zwischen April 2025 und Juni 2026 ist der KOSPI um 300 Prozent gestiegen. Kryptowährungen sind als Spekulationsvehikel aus der Mode gekommen, an ihre Stelle ist die Wette auf KI-Chips getreten. Was als Investition verkauft wurde, war eine kollektive Spekulationsblase. Die beiden Chipriesen sind zu Glücksspielmarken geworden – zu Tokens, in denen nicht mehr das Unternehmen, sondern nur noch die Kursbewegung gehandelt wird.
34 Prozent Verlust in 25 Tagen klingt dramatisch, relativiert sich aber im Längsschnitt. Der Index liegt wieder auf dem Niveau vom 15. April 2026. Neun Wochen Gewinn sind verdampft. Sollte der gesamte Jahresgewinn eingeebnet werden, wäre vom Junihoch aus ein Gesamtrückgang von 71 Prozent nötig. Das ist machbar. Zum Vergleich: Der Nasdaq verlor während des Dotcom-Busts in den Vereinigten Staaten 78 Prozent über zweieinhalb Jahre.
Die Ansteckung ist international. Der japanische Nikkei 225 brach heute um fast vier Prozent ein. In den Vereinigten Staaten hinkt der Halbleiterausverkauf hinterher, schmerzt aber ebenso. Der PHLX Semiconductor Index – das US-Maß für die Chipbranche – hat seit seinem Hoch am 21. Juni 21 Prozent abgegeben, nach einem ähnlich gigantischen Anstieg.
An den Drähten der Korea Exchange hört man heute die zweite Sprache der Märkte: nicht das Versprechen der Kursexplosion, sondern das mechanische Klacken der Margin Calls, der erzwungenen Verkäufe, der Verzweiflung. Die Sidecar-Mechanismen und Circuit Breaker sind Vorkehrungen gegen überhitzte Computer, nicht gegen überhitzte Köpfe. Sie können Tempo rausnehmen, aber keine Panik.
Nun warten alle auf die Dip-Käufer – jene Spekulanten, die in jedem Absturz die Gelegenheit wittern und mit ihren Käufen oft nur kurze, trügerische Erholungsrallys auslösen, bevor der nächste Sog einsetzt. Man nennt sie Sucker Rallies, weil die Späteinsteiger die eigentlichen Verlierer sind.
Wer kontrolliert das? Wer profitiert? Wenn ein einziger Sektor – Halbleiter – die Hälfte eines nationalen Leitindex ausmacht, dann ist das kein Markt im klassischen Sinne mehr. Dann ist das eine konzentrierte Wette auf wenige Köpfe. Die Kursverläufe verraten mehr als jede Pressekonferenz: Hier wurde kollektiv spekuliert, nicht investiert.
Die Halluzination verblasst. Die Buchführung bleibt.