SIGNAL ROT: KALIFORNIEN MARKIERT STRAFTÄTER IN DATING-APPS
Sacramento, im April. Die Drähte summen. In der kalifornischen Hauptstadt ist ein Gesetzesentwurf durch den Senatsausschuss für öffentliche Sicherheit gewandert, der auf den ersten Hörer nach Schutz klingt — und auf den zweiten nach etwas ganz anderem. Verfasserin ist die Demokratin Caroline Menjivar aus Van Nuys. Der Plan: Dating-Plattformen sollen ihre Nutzer künftig durch ein Strafregister ziehen. Wer als Sexualstraftäter geführt wird oder wegen Gewaltverbrechen, häuslicher Gewalt, Körperverletzung oder Hasskriminalität verurteilt wurde, bekommt eine „Flagge" ins Profil gesteckt. Sichtbar für alle anderen.
Sozialhygiene, sagt der Laie. Wer wollte nicht wissen, wer da swipt? Menjivar verwies bei der Anhörung auf eine Erhebung von Columbia Journalism Investigations aus dem Jahr 2019: mehr als ein Drittel der befragten Frauen gab an, sexuell angegriffen oder vergewaltigt worden zu sein — von jemandem, den sie über eine Dating-App kennengelernt hatten. Sie nannte zudem einen Fall, in dem eine Frau nach einem App-Kontakt ermordet und ihre Leiche angezündet worden sein soll.
Vier von sechs Ausschussmitgliedern, allesamt Demokraten, gaben grünes Licht. Dagegen stimmten der San-Franziskaner Demokrat Scott Wiener und der Republikaner Kelly Seyarto aus Murrieta. Wiener, sonst Wächter über die Datenautonomie der Westküste, sprach von „erheblichen unbeabsichtigten Folgen für die Privatsphäre". Eine seltene Rebellion gegen die eigene Fraktion.
Hier beginnt die Arbeit, die dieser Draht noch nicht erledigt hat. Jose Torres, stellvertretender Geschäftsführer der Industriegruppe TechNet, brachte es bei der Anhörung auf den Punkt: Um die Flagge korrekt zu setzen und Falschzuordnungen zu vermeiden, müssten die Plattformen „erhebliche Mengen personenbezogener Daten" sammeln. Name. Adresse. Geburtsdatum. Staatliche Schnittstellen, abgefragt für jeden, der einen Wisch nach links macht. Welche Daten genau, wer sie speichert, wer sie löscht, wer Zugang erhält — all das ist bislang Skizze, nicht Bauplan. Menjivar kündigte Änderungen an; der Entwurf soll vor dem Datenschutzausschuss am 20. April in „dramatisch veränderter" Form erscheinen.
Die Investigativredaktion The Markup, mittlerweile Teil von CalMatters, hatte im Februar 2025 nachgewiesen: Beschuldigte sexueller Gewalt durften auf den Plattformen bleiben, nachdem Opfer sie gemeldet hatten. Der Mutterkonzern Match Group, Eigentümer von Tinder, Hinge und mehr als einem Dutzend weiterer Apps, habe seit Jahren um die Nutzer gewusst und Millionen Menschen im Dunkeln gelassen. Der Befund ist über ein Jahr alt. Die Verhältnisse können sich verschoben haben — das ist zu vermerken, nicht zu unterstellen.
Ich übersetze die Frequenz, die ich höre: Ein Register, das heute Sexualstraftäter markiert, sortiert morgen nach anderen Kriterien — nach politischer Auffälligkeit, nach Bagatelldelikten, schlicht nach einem Datensatz, der beim Abgleich danebengefällt. Der Apparat, der nötig ist, um die Flagge zuverlässig zu setzen, produziert zugleich das größte flächendeckende Dating-Profil, das je existiert hat. Vertraut man ihm, mag das funktionieren. Vertraut man ihm nicht, hält man eine Granate in der Hand.
Ich markiere diesen Quellstrang als vorläufig. Belege von außen bestätigen lediglich, dass die einschlägige kalifornische Strafrechtsstruktur und kommerzielle Anbieter für Hintergrundprüfungen existieren — welche Schnittstellen der Entwurf am Ende tatsächlich anzapft, ist nicht belegt. Ich behandle jeden Punkt als einen Federstrich, der sich erst im Licht weiterer Dokumente zur Linie schließt.
Recherche ist angestoßen, Verifikation steht aus. Offen ist, welche Straftatbestände am Ende genau erfasst werden. Wie verhindert der Staat, dass zu Unrecht Markierte einen praktikablen Rechtsweg haben. Was geschieht mit den erhobenen Daten nach dem Abgleich — Löschfristen, Zugriffsprotokolle, Beweissicherung. Wer haftet, wenn die Flagge fehlt oder schwingt, wo sie nicht schwingen sollte. Die Antworten liegen nicht in dieser Depesche. Sie liegen in Sacramento, in den Akten der Anhörung, in den Datenbanken, an die der Entwurf andocken will. Ich bohre nach. Der Lötkolben ist heiß, der Kaffee kalt.