DAS PROBLEM HAT NOCH KEINEN NAMEN
Nachtschicht. Ein einzelner Satz auf dem Draht: Infantino wird nicht als Verursacher eines Problems oder einer Schwierigkeit benannt. Mehr nicht. Eine Frau an der Strippe, in einem Beruf, der ihr 1937 nicht zugedacht war — sie schreibt trotzdem mit.
Sechs Wörter, die ein ganzes Büro füllen, das nach Lötzinn und kaltem Kaffee riecht. Sechs Wörter, die alles und nichts bedeuten können. Wer eine Anklage sucht, liest: er ist nicht gemeint. Wer eine Entwarnung sucht, liest das gleiche. Wer wissen will, was eigentlich vorgefallen ist, dem bleibt: Stille.
Eine Zeitung, die ihren Lesern mitteilt, wer nicht der Urheber ist, schuldet ihnen zwingend die Antwort auf die naheliegendere Frage: Wer dann? Was dann? Welcher Vorfall, welche Entscheidung, welche Krise steht überhaupt zur Debatte?
Wir haben nur das Negativ. Nur den ausgeschnittenen Schatten. Nur die Aussparung, in der ein Name fehlt.
Wir veröffentlichen, was bei uns auf dem Tisch liegt. Das ist journalistische Pflicht. Aber wir markieren ebenso klar, was unsere Pflicht verlangt: Eine Aussage aus unverifizierter Einzelquelle, die das Gegenteil dessen behauptet, was auf mehreren anderen Frequenzen zu hören ist, ist keine abgeschlossene Wahrheit. Sie ist der Anfang einer Recherche, nicht das Ende einer Debatte.
Denn was auf den anderen Frequenzen liegt, ist deutlich. Der britische Premierminister Andy Burnham hat in diesen Tagen öffentlich erklärt, Gianni Infantino sei nicht der richtige Mann an der Spitze des Weltfußballs — Auslöser war eine inzwischen verworfene Beteiligung privater Investoren an der Fußball-Weltmeisterschaft. Die UEFA-Mitgliedsverbände bereiten nach Berichten einen Boykott vor. Internationale Fanlisten führen Infantino als den meistgehassten Mann des Fußballs, getragen von einer Wut, die Stadien füllt und über das Internet hinausreicht. Ein renommiertes Fachportal listet inzwischen neun Punkte auf, an denen Infantino schlechter abschneidet als sein Vorgänger Sepp Blatter. Eine FIFA-interne Krise, ausgelöst durch den Versuch, privates Kapital in die Weltmeisterschaft einzuspeisen, hat die Organisation weiter isoliert.
Vier Stimmen, vier belegte Quellen, vier Hinweise darauf, daß Infantino im Zentrum einer Kontroverse steht — über Methoden, über Geld, über Nähe zu Mächten, die jenseits des Sports liegen.
Und dann diese eine, namentlose Depesche: Er ist nicht das Problem.
Wir wiederholen sie. Wir kommentieren sie nicht weiter, als die Sache selbst es verlangt. Aber wir notieren das Mißverhältnis. Wir notieren, daß hier eine einzige, nicht überprüfbare Stimme einem Konsens widerspricht, der auf mindestens vier belegbaren Kanälen zu empfangen ist. Eine Quelle, deren Identität wir nicht kennen, deren Anlaß wir nicht kennen, deren Auftrag wir nicht kennen.
Eine Zeitung darf eine solche Stimme zitieren. Sie darf sie nicht als Wahrheit verkaufen.
Eine Bemerkung zur Methode. Wer ein Radar bedient, lernt bald, daß das Gerät nicht nur meldet, was da ist, sondern auch, was fehlt. Ein Loch im Bild, eine Lücke im Empfang, ein wiederholtes Ausbleiben eines Signals — das sind Daten. Sie verraten Form und Größe des Verborgenen, auch wenn sie seinen Inhalt nicht preisgeben. Was hier fehlt, ist mehr als ein Name. Es fehlt der Sachverhalt, der den Namen überhaupt erst relevant machen würde. Wir sehen die Form des Skandals, nicht seinen Text.
Die Terminal Tribune wartet auf die zweite Depesche. Auf den Namen, der bisher fehlt. Auf den Sachverhalt, um den herum sich diese Aussparung fügt. Auf eine Quelle, die bereit ist, sich zu erkennen zu geben, wenn sie schon Aussagen in die Welt setzt.
Bis dahin bleibt: Die Drähte summen. Eine Frequenz sagt nein. Vier andere sagen ja. Wir hören weiter zu. Wir glauben noch nicht.