BEDAR BRENNT — SECHS BRITEN VERMISST, KEINE ORTUNG
Almería, Südostküste Spaniens. Der Wald brennt seit Tagen, und die Angehörigen der Vermissten sitzen in Portsmouth, in London, in Manchester — und warten auf ein Signal. Bekommen keines.
Britische Familien haben sich in den vergangenen Tagen an soziale Netzwerke und lokale Foren gewandt, um ihre vermissten Angehörigen zu finden. Mindestens sechs Briten gelten als verschollen, nachdem die Flammen durch Bedar, einen Ort in der Provinz Almería, gefegt sind. Was die Behörden vor Ort liefern, sind dürre Zahlen, die sich täglich ändern, und Karten, die nicht aktualisiert werden. Die Familien bitten um Hilfe. Sie bitten laut.
Ich übersetze Funksignale seit Jahren. Wenn ein Sender ausfällt, weiß ich: irgendwo ist ein Kabel durch, ein Mast geknickt, eine Frequenz doppelt belegt. Hier, in dieser Katastrophe, ist es nicht ein einzelner Ausfall. Es ist das gesamte System, das gleichzeitig stillsteht.
Handys sollten funktionieren. Tun sie es? In den Hängen rund um Bedar war das Netz in den Stunden, als die Menschen flohen, lückenhaft bis tot. Wer sein Telefon nicht rechtzeitig aufladen konnte, wer in einen der Schluchtwege geriet, die die Sendemasten nicht abdecken, wer im Rauch die Orientierung verlor — verschwand nicht nur vor den Augen der Angehörigen, sondern auch aus jeder Datenbank. Die Anbieter protokollieren den letzten Funkkontakt ihrer Geräte mit dem Netz. Sie teilen ihn den Familien nicht ohne richterlichen Weg mit. Drei Tage, sagen Betroffene, dauert eine Auskunft. Drei Tage, in denen ein Mensch im Krankenhaus liegen kann, unerkannt, weil sein Pass verbrannt ist und seine Papiere im Auto geblieben sind. Drei Tage in einer Notunterkunft, deren Belegungsliste nicht online steht und nicht abgeglichen wird.
Drohnen mit Wärmebildkameras könnten die Hänge inzwischen meterweise absuchen. Dass sie es tun, ist anzunehmen. Dass ihre Bilder bei den Suchtrupps vor Ort ankommen, in Echtzeit, mit Koordinaten, die ein Sanitäter lesen kann — das ist die offene Frage. Wer die Wärmepunkte in Gesichter übersetzt, wer die Drohnen über den Luftraum eines brennenden Landstrichs koordiniert, wer die Daten am Ende an die Familien weiterleitet: das ist eine Kette. Und jede Kette hat ein schwächstes Glied. In der Provinz Almería scheint mehr als eines zu fehlen.
Die Ursache des Brandes ist, Stand jetzt, unklar. War es eine weggeworfene Zigarette am Straßenrand, eine defekte Freileitung bei der sommerlichen Hitze, Brandstiftung? Die regionalen Behörden geben keine Auskunft, oder sie haben selbst keine. Beides wäre ein Versagen — das eine politisch, das andere operativ. Solange die Ursache nicht benannt ist, lässt sich nicht sagen, ob die Telekommunikationsinfrastruktur gezielt hätte geschützt werden können, ob die Evakuierungsrouten bekannt waren, ob die Warnsysteme vor dem Brand überhaupt ausgelöst wurden.
Die genaue Zahl der Vermissten ist offen. Sechs Briten, schreibt die britische Presse. Lokale spanische Quellen sprechen von Dutzenden weiteren Vermissten, deren Namen nicht in den internationalen Medien auftauchen, weil niemand sie dort sucht. Ob diese Listen zusammengeführt werden, ob es überhaupt eine zentrale Erfassung gibt, in der jede Notunterkunft, jedes Krankenhaus, jede Polizeistation ihren Bestand meldet — das weiß derzeit niemand mit Sicherheit zu sagen.
Und das ist der Kern. Niemand führt zusammen. Keine offene Karte mit allen Notunterkünften und deren Belegung. Kein öffentliches Register, in dem Familien eine Vermisstenmeldung abhaken können: hier nicht gesehen, hier nicht gesehen, hier nicht gesehen. Stattdessen: Posts, Foren, Telefonate ins Leere, ausgestellte Nummern, Warteschleifen. Angehörige werden zu Ermittlern im eigenen Fall, mit unvollständigen Werkzeugen und ohne Zugang zu den Stellen, die die Daten haben.
Ich kenne tote Leitungen. Ich weiß, wie ein Sendemast aussieht, der nur noch Rauschen ausstrahlt, weil das Kabel zum Verstärker gekappt ist. Was ich in Almería beobachte, ist kein bloßer technischer Defekt. Es ist eine Reihe von Entscheidungen, getroffen oder unterlassen. Wer entscheidet, dass eine Netzauskunft drei Tage braucht? Wer entscheidet, dass Drohnenbilder nicht live veröffentlicht werden, damit Angehörige selbst suchen können? Wer entscheidet, dass die Zahl der Vermissten weiter im Nebel bleibt, weil eine ehrliche Zahl politisch unbequem wäre?
Die Technik ist vorhanden. Die Satelliten fliegen, die Drohnen starten, die Datenbanken existieren. Eingeschaltet wird sie nicht. Oder sie wird eingeschaltet, und niemand sagt es den Familien.
Bedar brennt. Die Drähte summen. Am anderen Ende: Stille.