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Chan verspricht Fünfjahresplan — wer füllt die Lücke, wer zahlt die Rechnung?

5. August 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Hongkong, 14. Juni 2026. Paul Chan, Finanzchef der Sonderverwaltungszone, hat den ersten Fünfjahresplan der Stadt vorgestellt. Fünf Jahre, um wirtschaftliche Lücken zu schließen. Fünf Jahre, um "Qualitätsarbeitsplätze" zu schaffen. Fünf Jahre, in denen Künstliche Intelligenz — Chans Lieblingsvokabel dieser Tage — den Aufschwung bringen soll. Die Worte klingen vertraut. Vertraut und gefährlich. Wer schon einmal einen Fünfjahresplan angekündigt hat, weiß: Das Papier ist geduldig, die Wirklichkeit nicht.

Was genau ist die Lücke, die hier geschlossen werden soll? Chan sprach am Sonntag von "wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten" und "sozioökonomischen Vorteilen", die gemehrt werden müssten. Das ist Beamtenchinesisch für: Wir wissen es selbst noch nicht genau, aber es muss groß klingen. Die South China Morning Post lieferte am Tag darauf den nüchternen Hinweis: Ein zweimonatiger öffentlicher Konsultationszeitraum hat soeben begonnen. Wer also mitreden will, hat zwei Monate Zeit. Danach ist der Plan gemacht.

Bilateraler Handel zwischen Hongkong und dem Nahen Osten ist in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um 35 Prozent gestiegen. Das klingt nach Erholung. Aber zwischen welchen Häfen? Zwischen welchen Waren? Erdöl und Gold werden seit Jahrzehnten gehandelt — ein Aufschwung im Re-Export oder im Schmuggel ist noch kein Strukturwandel. Wer an diesen 35 Prozent verdient, sagt Chan nicht. Wer die Logistik kontrolliert, auch nicht. Eine Zahl ohne Kontext ist keine Antwort, sondern ein Werbespruch.

Dann die HK$45.000. Am 1. Oktober startet ein Bargeldanreiz für Familien, die von der umfassenden Sozialhilfe (CSSA) in den Working Family Allowance (WFA) wechseln. Über drei Jahre gestreckt soll der Anreiz "sichere Arbeitsplätze" belohnen. Das klingt auf den ersten Blick plausibel — bis man rechnet. Wer heute in Hongkong von Sozialhilfe lebt, hat in der Regel nicht deshalb keine Arbeit, weil der Antrieb fehlt. Sondern weil der Arbeitsmarkt in Branchen wie Einzelhandel, Gastronomie und Logistik seit Jahren schrumpft. Ein Bonus von umgerechnet rund fünftausend Euro über drei Jahre ist kein Einkommen. Das ist ein Köder. Und ein Köder fängt nur Fische, die auch schwimmen.

Café de Coral, 1986 als erste Hongkonger Fast-Food-Kette an die Börse gegangen, steht sinnbildlich für eine Branche, die einmal als wirtschaftlicher Motor galt: günstige Mahlzeiten für die arbeitende Bevölkerung, verlässliche Margen, kalkulierbare Expansion. Heute kämpft die Kette — wie die gesamte Branche — mit steigenden Mieten, steigenden Löhnen und schwindenden Margen. Wenn der Fünfjahresplan "Qualitätsarbeitsplätze" verspricht, fragt sich unvermeidlich: Qualität für wen? Qualität in welchen Branchen? Chan nennt Künstliche Intelligenz. KI braucht Rechenzentren. Rechenzentren brauchen Strom. Strom braucht eine Infrastruktur, die Hongkong derzeit nicht im Überfluss hat — und die erst gebaut werden müsste, bevor die ersten "Qualitätsarbeitsplätze" entstehen.

Hier liegt das offene Geheimnis des Plans: Er ist der erste Fünfjahresplan, den Hongkong je aufgestellt hat. Das ist ein Eingeständnis, dass die freie Marktlogik der vergangenen Jahrzehnte die erhofften Ergebnisse nicht mehr liefert. Die englischsprachige Wikipedia bestätigt: Der Plan soll sich am 15. Fünfjahresplan der Volksrepublik orientieren. Erwähnenswert, weil es den Rahmen markiert, in dem Hongkong künftig plant — und weil ein solcher Rahmen die Spielräume der Sonderverwaltungszone nicht größer macht.

Die Drähte summen. Die Konsultation läuft. Frühere Versuche — man erinnert sich an gescheiterte Kommissionen im Lebensmittelsektor, deren Berichte in Schubladen verschwanden, kaum dass die Tinte trocken war — haben gezeigt: Ein Plan ist nur so viel wert wie die politische Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Davon war bisher wenig zu hören. Am Ende dieser fünf Jahre wird sich zeigen, ob Paul Chan eine Lücke geschlossen hat — oder ob er eine neue aufgestoßen hat, tiefer als die, die er zu füllen versprach.

Ada Voss horcht weiter auf den Drähten.

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