SpaceX unter Beschuss: Warum die Wetten gegen Musk Milliarden einbringen
Die Drähte summen. Ich übersetze. Eine Frau an dieser Stelle, 1937 – eine Ungehörigkeit, die man mir nie verziehen hat. Heute, da die Frequenzen bis zu den Börsen reichen, schreibe ich trotzdem. Was ich höre: 26 Milliarden Dollar, die an der Wall Street derzeit gegen ein Unternehmen namens SpaceX wetten.
SpaceX, das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk, hat im Juni 2026 einen Börsengang inszeniert, der in die Annalen eingehen wird. 85 Milliarden Dollar Kapital hat Musk eingesammelt. Der Startkurs lag bei 135 Dollar je Aktie, schoss am ersten Handelstag auf über 175 Dollar. Es folgte ein Sturz um 36 Prozent. Aktuell notiert das Papier bei rund 111 Dollar. Damit hat das Unternehmen seit seinem Debüt mehr als 500 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren.
Was ist passiert? Die Antwort liegt in einer Kennzahl, die an der Wall Street sonst nur bei fallenden Messermärkten auftaucht: 35 Prozent der frei handelbaren SpaceX-Aktien sind derzeit leerverkauft. Der Durchschnitt liegt bei fünf Prozent. Mit anderen Worten: Jede dritte SpaceX-Aktie, die gehandelt wird, ist eine Wette auf den Fall. Konkret, so berichtet es Bloomberg unter Berufung auf Daten des Finanzanalysten S3 Partners, summieren sich die Short-Positionen auf 219,3 Millionen Anteile – gegenüber 23,3 Millionen vor vier Wochen. Die Pessimisten haben mit diesen Wetten bislang rund 7,3 Milliarden Dollar Gewinn eingefahren.
Die Short-Seller sind in dieser Geschichte kein verachtenswertes Randvolk, das aus dem Verderben anderer Profit schlägt. Sie zeigen an, wo der Markt ein Risiko wittert. Und im Fall SpaceX wittern sie offensichtlich mehr als ein Risiko.
Das strukturelle Problem hat einen Namen: Cash Burn. Im zweiten Quartal 2026 wird SpaceX voraussichtlich mehr als 14 Milliarden Dollar ausgeben. Die Analysten der Wall Street projizieren für die Starlink-Sparte, die immerhin 60 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht, Einnahmen von 3,82 Milliarden Dollar und einen operativen Gewinn von 1,42 Milliarden. Starlink ist profitabel, aber bei weitem nicht profitabel genug, um die Rakete, die KI-Rechenzentren und die Mars-Vision zu finanzieren. Der Gesamtkonzern verliert Geld. Das ist bei einem Konzern dieser Größenordnung erwartbar, sagt man sich an der Börse. Aber dass die Verluste schneller wachsen als die Einnahmen, ist eine Tatsache, die in den Büchern steht.
Dazu kommen zwei Details, die viele Beobachter unterschätzen. Erstens: SpaceX ist noch nicht im S&P 500 gelistet. Die Aufnahme in den Leitindex würde nicht nur Vertrauen schaffen, sondern auch einen Sogeffekt auslösen, der die Leerverkäufer zwingen würde, einen Teil ihrer Positionen zur Absicherung von Long-Positionen im Index zu halten. Solange SpaceX außerhalb des Index steht, ist jeder Short eine bewusste Wette.
Zweitens: Am Donnerstag nach der Quartalsbilanz läuft die erste Lock-up-Frist ab. Dann dürfen frühe Investoren ihre Anteile verkaufen. Bisher saßen sie still, weil die Verträge sie banden. Das wird sich ändern. Zusätzliches Angebot trifft auf einen Markt, der ohnehin schon nervös reagiert.
Die Quartalszahlen werden am Dienstag, den 4. August, nach Börsenschluss erwartet. Es werden, so viel lässt sich heute schon sagen, Verluste sein. Die Frage ist nicht, ob sie ausgewiesen werden, sondern wie groß sie sind. Die Spannweite zwischen Analystenerwartungen und möglicher Realität, heißt es an der Wall Street, sei ungewöhnlich weit.
Musk selbst hat die Latte hoch gelegt. Er hat angekündigt, KI-Rechenzentren im Weltraum bauen zu wollen – erdumlaufende Serverfarmen, die mit Sonnenenergie versorgt werden. Mark Vena, Chefanalyst bei SmartTech Research, bringt den Kern des Konflikts auf den Punkt: „Dieser Bericht wird zeigen, ob Investoren weiterhin Vision vor Profit belohnen." Die bisherige Antwort der Märkte fällt verhalten aus.
Wer die Geschichte kennt, weiß, dass die Wette gegen Musk schon einmal falsch ausging. 2018 stand Tesla vor dem Aus. Die Bilanzen wurden zerlegt, der Auslieferungsplan wackelte, Musk twitterte sich in einen Rausch. Die Pessimisten feierten. Dann drehte sich der Wind. Tesla wurde zum Liebling der Märkte. Wer damals short war, hat Geld verbrannt.
Aber Tesla war ein Automobilhersteller, der seine Marge fand. SpaceX ist ein Konstrukt aus drei Geschäftsmodellen – Raketenstarts, Satelliteninternet und KI – deren Synergien sich in den Büchern noch nicht zeigen. Starlink wächst. 2025 setzte der Konzern 18,7 Milliarden Dollar um, ein Plus von 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aber das Wachstum finanziert bislang die Rakete, nicht umgekehrt. Die Mars-Kolonie, die Musk als Endziel ausgerufen hat, liegt jenseits jeder Quartalsbilanz.
Selbst Michael Burry, der Mann, der die Immobilienblase von 2008 frühzeitig erkannte, hat öffentlich erklärt, er sei „versucht", gegen SpaceX zu shorten. Burry gehört zu einer Gruppe von Investoren, deren Geschäftsmodell darauf beruht, Schwächen in Bilanzen zu finden, bevor andere sie sehen.
Die Antwort kommt am Dienstag. SpaceX liefert die Zahlen, AMD liefert Zahlen, der Markt urteilt. Was danach folgt, ist eine Frage der Zeit – bis entweder die Quartalsbilanz die Skeptiker widerlegt oder die Pessimisten mit ihren Wetten recht behalten.
Ada Voss, Terminal Tribune