Intime Chats vor Gericht: OpenAI veröffentlicht Apples Privatnachrichten
Die Drähte summen lauter als sonst. Wenn zwei Konzerne sich vor Gericht bekriegen, werden nicht mehr nur Anwälte und Akten ausgetauscht — sondern private Konversationen. Im Streit zwischen Apple und OpenAI hat die KI-Schmiede jetzt iMessage-Verläufe und E-Mail-Korrespondenz veröffentlicht. Das verändert das Verständnis des Falls — und wirft eine Frage auf, die über ihn hinausweist: Wem gehören unsere Nachrichten, wenn sie zwischen Konzernen wandern?
Hintergrund ist eine Dynamik, die sich über Monate aufgebaut hat. Apple und OpenAI galten einst als Partner. OpenAIs Technologie fand Eingang in Apples Produkte. Das Verhältnis kühlte sich ab, als OpenAI im vergangenen Jahr das Designstudio io übernahm — gegründet von Apples ehemaligem Designchef Sir Jony Ive. Zudem heuerte OpenAI eine Reihe ehemaliger Apple-Mitarbeiter an. Die Richtung hatte sich gedreht: OpenAI bewegte sich auf Endgeräte für Verbraucher zu, Apple arbeitete parallel mit Google an einem neuen Siri.
Im Juli schlug Apple zu. Die Klage wirft OpenAI vor, Hardware-Entwürfe gestohlen zu haben — Entwürfe für KI-gestützte Geräte, die Apple selbst auf den Markt bringen wollte. Im Zentrum stehen zwei Namen: Chang Liu, ein ehemaliger Apple-Mitarbeiter, der laut Klage an sensibelsten Produktentwicklungsprogrammen arbeitete und nach seinem Ausscheiden im Januar auf Apples Handelsgeheimnisse zugegriffen haben soll. Und Tang Tan, inzwischen OpenAIs Chief Hardware Officer, dem Apple vorwirft, bei Gesprächen mit Apple-Mitarbeitern gezielt nach firmeneigenem Wissen gefragt zu haben. Apple sprach zudem von mehr als 400 ehemaligen Mitarbeitern, die heute bei OpenAI arbeiteten.
OpenAI wehrt sich mit ungewöhnlicher Schärfe. In einem Blog-Post vom Montagabend wirft das Unternehmen Apple eine nachlässige, aggressive und seltsam persönliche Klage vor. Die Vorwürfe seien vage, Apple versuche die Erzählung zu ändern. Man habe weder Apples Geheimnisse noch wolle man sie, heißt es kategorisch.
Der entscheidende Punkt liegt jedoch woanders: in den Beweisen, die OpenAI jetzt öffentlich gemacht hat. Chatnachrichten, die belegen sollen, dass Apple-Mitarbeiter selbst auf Chang Liu zugingen und ihn um Hilfe beim Auffinden bestimmter Informationen baten. Etwas, das Apple erst jetzt zugebe, wie OpenAI schreibt. Damit dreht OpenAI die Beweislast um: Nicht OpenAI habe gestohlen — Apple selbst habe den Kontakt gesucht.
Hinzu kommen zwei Vorgänge, die an Peinlichkeit grenzen. Apples Anwälte sollen im Februar eine E-Mail an die falsche Person geschickt haben, weil sie zwei asiatische Nachnamen verwechselten. Auch ein angebliches Gespräch mit OpenAIs General Counsel habe es nie gegeben — was Apple inzwischen einräumt. Fünf Monate lang habe Apple dann erklärt, man sei dabei, etwaige Probleme zu lösen, ehe die Klage kam.
Apple hat am Montag eine einstweilige Verfügung beantragt, um ehemaligen Mitarbeitern und OpenAI den Zugriff auf die mutmaßlich gestohlenen Geheimnisse zu untersagen. Parallel verlangt das Unternehmen eine beschleunigte Beweisaufnahme und die eidliche Aussage von Liu und Tan.
Was hier auf dem Spiel steht, reicht über den konkreten Streit hinaus. Erstmals werden private Chatverläufe und geschäftliche Korrespondenz nicht mehr hinter verschlossenen Türen verhandelt, sondern als öffentliche Beweismittel ins Netz gestellt. Was im iMessage-Chat zwischen Kollegen beginnt, landet auf den Bildschirmen einer globalen Leserschaft. Screenshots, die einen Sachverhalt klären sollen, werden selbst zum öffentlichen Dokument.
Die Grauzone ist offensichtlich. Ein Blog-Post mit Screenshots ist kein Gerichtsbeschluss. Er ist kein Beweis im juristischen Sinne, solange das Gericht die Echtheit nicht geprüft hat. Aber er ist auch keine Privatsache mehr, sobald ein Konzern ihn veröffentlicht. OpenAI nutzt Apples eigene Worte gegen Apple. Das Unternehmen demonstriert: Wer mit uns kommuniziert, dessen Worte können gegen ihn verwendet werden — selbst wenn er es war, der den Kontakt suchte.
Tang Tan habe seinem Team stets klargemacht, dass man vertrauliche Informationen anderer Firmen weder wolle noch nutzen dürfe, schreibt OpenAI. Eine Aussage, die vor Gericht Gewicht haben könnte — oder eben nicht. Die Beweislage ist umkämpft.
Der Rechtsrahmen ist unklar. Handelsgeheimnisse sind geschützt — das ist in den USA und anderswo unbestritten. Aber was eine private Chatnachricht ist, was ein Geschäftsgeheimnis und was ein zulässiger Beweis im Blog-Format, darüber entscheiden derzeit Richter und Anwälte in Echtzeit. Apple hat den Streit öffentlich gemacht, indem es klagte. OpenAI hat ihn weiter öffentlich gemacht, indem es Chats druckreif aufbereitete.
Der Fall ist nicht entschieden. Was er aber zeigt: In der neuen Welt der Konzerne sind Privatnachrichten kein geschützter Raum mehr. Sie sind Munition. Und wer sie abschickt, hat die Kontrolle darüber, was damit geschieht, längst aus der Hand gegeben.