Das Etikett auf Sendung: 'Radical Socialist' im US-Parteienfunk
Die Drähte summen. Ich höre zu.
In dieser Woche geht ein Wort wieder auf Sendung, das älter ist als die Empfänger, die es transportieren. "Radical Socialist" — zwei englische Wörter, in Washington derzeit mit der Übertragungskraft eines Senders auf voller Leistung. Wer es ausspricht, beansprucht eine Frequenz. Wer es empfängt, soll eine Schaltung schließen, in der am Ende immer dasselbe Signal ankommt: Gefahr.
Diese Woche war Senator Chris Van Hollen aus Maryland zu Gast bei CNN. Moderatorin Kasie Hunt fragte ihn nach der Rolle der Democratic Socialists of America, kurz DSA, in der Demokratischen Partei. Van Hollen, der sich selbst als jemand beschreibt, der "die Reifen prüft" — ein Mechaniker-Bild, bemerkenswert für einen Senator —, antwortete mit einem Satz, der in dieser Redaktion bereits in mehreren Depeschen aufgefangen wurde. "Als FDR das Social-Security-Programm formulierte, haben Republikaner und andere ihn brutal als Kommunisten und radikalen Sozialisten angegriffen."
Ein historischer Vergleich, gesendet im August 2026. Die Empfangsbedingungen sind andere als 1935, als das Gesetz zur Sozialversicherung in Kraft trat. Damals lief die Debatte über Zeitungen, Wählerversammlungen und Radio. Heute läuft sie über Kabel, über Primary-Ergebnisse, über die Mitgliederzahlen einer Organisation, die nach Angaben der Online-Enzyklopädie im Juli 2026 die Marke von 120.000 überschritten hat — die größte sozialistische Organisation in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Die DSA ist keine Partei. Sie ist ein Dach für Kandidaten, die sich als demokratische Sozialisten bezeichnen, und sie tritt — das ist der technische Punkt — nicht auf den Wahlzetteln als Marke auf. Sie unterstützt. Sie endorset. Sie liefert Wahlkampfmaterial und Personal. Die Verbindung zur Democratic Party ist organisch, aber nicht institutionell. Das macht das Etikett besonders wirksam: Es lässt sich aufheften, ohne dass eine formale Mitgliedschaft nachgewiesen werden muss.
Die Belege der jüngsten Wahlnacht liegen auf dem Tisch. In Michigan gewann Rashida Tlaib, Mitglied des sogenannten Squad, ihre Primary deutlich. In New York besiegte Darializa Avila Chevalier den amtierenden Kongressabgeordneten Adriano Espaillat, der den Hispanic Caucus im Kongress leitete. In Colorado schlug die 29-jährige Melat Kiros die 30-jährige Amtsinhaberin Diana DeGette. Alle drei werden in den vorliegenden Quellen als Socialist, Democratic Socialist oder Mitglied des Squad-Umfelds beschrieben. Die DSA hat ihre Unterstützung in den jeweiligen Stellungnahmen bestätigt.
Die Mechanik ist präzise: Ein Etikett, das historisch an Kommunismus erinnert, wird auf Kandidaten geklebt, die innerhalb der demokratischen Vorwahl antreten. Es muss nicht einmal bewiesen werden, dass diese Kandidaten sich selbst als radikal bezeichnen. Die Anschuldigung erledigt den Rest.
Van Hollen setzt dagegen kein Argument, sondern ein Geschichtsbild. FDR, der Architekt des New Deal, galt in den 1930er Jahren als Bedrohung. Die Attacken galten dem, was er baute: eine Sozialversicherung gegen die Verelendung im Alter. Heute, so Van Hollens Botschaft, werde dasselbe Wort benutzt, um Vergleichbares zu delegitimieren. Wer das Muster erkenne, solle immun werden gegen das Signal. Und Van Hollen nennt auch einen konkreten Namen: Werde Mamdani in New York zum demokratischen Nominee, solle er unterstützt werden.
Dass die Republikaner das Wort benutzen, ist erwartbar. Dass es zunehmend auch in den innerparteilichen Debatten der Demokraten als Argument auftaucht — wer ist zu weit links, wer gehört zum "big tent", wer wird geduldet —, das ist hingegen die neue Frequenz. Abigail Spanberger, einst Kongressabgeordnete aus Virginia, sagte nach den Midterms 2020, wie aus den Fox-Quellen hervorgeht: "Don't say socialism ever again." Fünf Jahre später ist die Frage nicht mehr, ob Sozialismus gesagt wird, sondern wer ihn sagen darf, ohne dass die Schaltung zusammenbricht.
Am Mittwoch dieser Woche tagte der Senatsfinanzausschuss zu einer Anhörung über die Zukunft der Sozialversicherung. Im Juni warnte ein Bericht, das Programm könne bis 2032 insolvent werden. Die Verhandlungen, wie Leistungskürzungen zu vermeiden sind, stehen in den kommenden Monaten an. Das Programm, das 1935 als "radikaler Sozialismus" verhöhnt wurde, steht im Zentrum der nächsten Haushaltsschlacht.
Wer das Etikett sendet, wer es empfängt, wer am Ende die Rechnung trägt — das sind, wie der Techniker in mir es ausdrücken würde, die drei Pole einer Sendeanlage. Der Sender strahlt. Der Empfänger nimmt auf. Die Erdung hält die Spannung. Welche Seite in diesem Sommer 2026 die Erdung übernimmt, wird zeigen, wohin das Signal fließt.
Ada Voss — für die Terminal Tribune.