Wham! in Peking 1985: Die Maschinerie der Sensation
Die Drähte summten. 1985, irgendwo zwischen London und Peking, lief ein Signal durch die Leitungen, das die Plattenregale in den USA neu sortieren sollte. Zwei junge Männer mit toupierten Haaren und pastellfarbenen Jacketts standen am 7. April auf dem Tiananmen-Platz und taten etwas, das bis dahin kein westlicher Popakt gewagt hatte: Sie spielten in der Volksrepublik China.
George Michael und Andrew Ridgeley, besser bekannt als Wham!, waren die Ersten. Die Fotos der Agentur Reuters, aufgenommen von Pat Benic, zeigen sie als Außerirdische in einer Welt aus Mao-Jacken und grauer Eintönigkeit. Die Haare, die Farben, die Sonnenbrillen — alles fremd. Alles Signal.
Der Plan war keine kulturelle Völkerverständigung. Der Plan war, wie Ridgeley es heute formuliert, „harte kommerzielle Logik". Ihr Manager Simon Napier-Bell, ein Mann, der die Mechanik der Aufmerksamkeit kannte wie kaum ein zweiter, hatte eine Rechnung aufgemacht: Zwei Konzerte, ein Medienspektakel, und der direkte Sprung an die Spitze der amerikanischen Charts — ohne die Strapaze einer 90-Show-Tournee, die Michaels Stimme gefährdet hätte. „China oder Pleite", sagt Ridgeley heute. „Eine Wahl zwischen Pest und Cholera."
„Es funktionierte", sagt der 63-Jährige, weißhaarig und athletisch, wenn man ihn an einem warmen Sommertag in London trifft. „Wir waren in den US-Nachrichten. Wir waren in den Zeitungen." Der Beweis liegt vierzig Jahre später auf der Leinwand: „Wham! 10 Days in China", ein Dokumentarfilm, der diese Woche in die Kinos kommt. Er verwendet bisher unveröffentlichtes Archivmaterial und neue Interviews mit Beteiligten.
Die Regie übernahm Lindsay Anderson. Dass Napier-Bell ausgerechnet ihn verpflichtete, bezeichnet Ridgeley heute als „bloody ludicrous" — die Wahl eines Dokumentarfilmers für ein Pop-Projekt wirkt auf den ersten Blick wie ein Stilbruch, bleibt aber Teil der Maschinerie, die das Spektakel erst möglich machte.
Die Mechanik indes bleibt klar erkennbar. Man nehme ein absurdes Setting, zwei gut aussehende junge Männer mit eingängigen Popsongs, eine politisch geschlossene Kulisse — und die Aufmerksamkeit trägt sich selbst. Die Technik der Aufmerksamkeit funktioniert über Grenzen hinweg, auch über den Eisernen Vorhang. Die Aufnahmen zeigen Wham! beim Auftritt in Peking und Guangzhou. Sie zeigen die Band bei Banketten mit chinesischen Funktionären, wo höfliche Reden erwartet wurden. Sie zeigen Michael, sichtbar ringend mit dem Protokoll, während Ridgeley die Fassade aufrechterhält.
Die chinesischen Zuschauer erlebten die Musik vermutlich zum ersten Mal. Manche tanzten. Einige — so die Überlieferung — wurden verhaftet, weil sie tanzten. Die Band stand auf einer Bühne, die niemand in dieser Form kannte, und sang Lieder, die niemand verstand. Was übertragen wurde, war keine Botschaft der Freiheit. Es war ein Signal an die westlichen Medien: Seht her, wir sind überall.
Die Plattitüden der Popdiplomatie — junge Leute mit Gitarren als Brückenbauer — sind älter als die Beatles in Manila. Aber 1985 bekamen sie eine neue Frequenz. China öffnete sich vorsichtig, der Westen gierte nach Bildern vom Roten Imperium, und zwei britische Teenager im pastellfarbenen Anzug lieferten beides. Die Kameras fingen das Fremde ein, die Mikrofone nahmen die Stille auf, die Drähte trugen das Material nach London, New York, Tokio.
Die Frage, die diese Geschichte aufwirft, ist alt und bleibt unbeantwortet: Wer hält die Frequenz? Napier-Bell, der Stratege im Hintergrund, sicherlich. Die chinesischen Behörden, die den Auftritt genehmigten und kontrollierten, ebenso. Die westlichen Medien, die das Bild vom „historischen Ereignis" reproduzierten, ohne die Mechanik dahinter zu beleuchten. Und am Ende zwei junge Männer, die mitmachten, weil die Alternative ihre Stimmen gekostet hätte.
Heute läuft die Geschichte als nostalgische Dokumentation. Damals war sie ein Geschäft. Ein klug kalkuliertes Geschäft, verpackt in die Sprache der Völkerverständigung. Das Spektakel war nie das Konzert selbst. Das Spektakel war die Übertragung. Und die Drähte summten weiter.