Faktenredaktion im Selbsttest — zwischen Versprechen und Beleg
Eine Webseite, ein Versprechen: Desinformation entlarven, Falschmeldungen aufdecken, die Gesellschaft gegen Lügen wappnen. So präsentiert sich CORRECTIV.Faktencheck auf ihrer Startseite. Begleitet wird jeder Aufruf von einem Spendenappell. Die eigentliche Meldung ist nicht, ob Faktenprüfung nötig ist. Die Meldung ist, was von diesem Selbstbild nach dem Empfang auf unabhängigen Empfängern übrig bleibt.
Die Redaktion bezeichnet sich als eigenständige Redaktion innerhalb des gemeinwohlorientierten Medienhauses CORRECTIV. Belegt wird das durch ein FAQ-Dokument der Organisation selbst, datiert auf den 8. Mai 2026. Ob das Mutterhaus tatsächlich gemeinwohlorientiert arbeitet, welche Finanzierung fließt, wer in den Aufsichtsgremien sitzt — darüber schweigt die Seite. Die Architektur bleibt im Dunkeln. Wer kontrolliert die Prüfer? Die Frage steht im Raum, sobald das Wort gemeinwohlorientiert fällt.
Der WhatsApp-Kanal mit der Nummer +49-151-17535184 lässt sich verifizieren. Er taucht auf der Webseite auf und im Instagram-Profil der Redaktion. Das Profil zählt nach eigenen Angaben 220.000 Follower, 80 folgende Konten, 658 Beiträge. Ein nachmessbares Datum. Was diese 220.000 Menschen dort lesen, wie schnell die Redaktion auf Hinweise reagiert, wie sie auswertet — das sind Behauptungen, die ohne praktischen Test unbewiesen bleiben.
Die Zahl der geprüften Leserhinweise während der Corona-Pandemie — mehr als 1.800, wie CORRECTIV selbst mitteilt — ist Selbstauskunft. Externe Zählung? Akademische Begleitung? Die Mitteilung vom 20. Oktober 2020 spricht von mehr als 1.800 Einsendungen. Keine Methodologie, keine Definition, was als Desinformation gewertet wurde, kein Auswahlverfahren, keine Fehlerrate.
Die Startseite listet acht aktuelle Faktenchecks mit Datum zwischen Ende Juli und Anfang August 2026. Die Fifa habe Argentinien nicht offiziell von der WM 2030 ausgeschlossen. Ein Tiktok-Video zu 5.000 Moscheen für Spanien sei unbelegt. Ein Video zur spanischen Exklave Ceuta zeige feiernde Fußballfans, nicht Migranten. Eine angebliche Tagesschau-Meldung zum CSD-Anschlag in Berlin sei gefälscht. Ein Roboter-Angriff sei inszeniert gewesen. Ein angebliches Video vom Berliner CSD stamme aus einem Salsa-Festival in Kanada. Eine Studie zur Grippeimpfung bei Kleinkindern werde falsch als wirkungslos dargestellt. Eine New Yorker Studie zu Bürgermeister Mamdani werde falsch wiedergegeben. Acht Behauptungen, acht Gegenbehauptungen.
Jede dieser Korrekturen lässt sich nachprüfen — sofern man die Originalquellen öffnet, die Gegendarstellung liest, die Methodik prüft. Die Redaktion verlinkt ihre Belege. Das ist methodisch sauber. Was fehlt, ist die offene Fehlerkultur. Korrigiert sich CORRECTIV selbst, wenn ein Faktencheck sich als ungenau erweist? Die Startseite schweigt dazu.
Die Eingangsbehauptung der Seite — Desinformation werde genutzt, um die Gesellschaft zu spalten, Hass zu verbreiten oder Geschäfte zu betreiben — ist eine Lesart, keine Messung. Keine Studie, kein Datensatz, keine Quellenangabe zu diesem Absatz. Es ist das Selbstverständnis der Redaktion, dargestellt als Faktum. Wer zahlt für dieses Framing, wer profitiert — auch das verrät die Seite nicht.
Wie wird geprüft? Welche Standards gelten? Wer entscheidet, was als Falschinformation gilt und was nicht? Die FAQ-Seite spricht von sachlichen Artikeln, die Falschmeldungen aufdecken. Wie ein Sachlichkeitsstandard definiert wird, bleibt offen. Welche Quellen als autoritativ gelten — Primärquellen, Sekundärberichterstattung, wissenschaftliche Gutachten — die Redaktion legt es nicht offen.
Spendenaufruf, WhatsApp-Hinweiskanal, Instagram-Präsenz, Webseite mit Faktenchecks — das sind die nachweisbaren Bausteine. Das Versprechen der unabhängigen, gemeinwohlorientierten Prüfung steht im Raum, gestützt durch Selbstauskunft, nicht durch externe Begutachtung. Eine Technologiereporterin mit Lötkolben und kaltem Kaffee wird misstrauisch, wenn ein Signal zu sauber klingt. CORRECTIV.Faktencheck sendet auf vielen Frequenzen. Welche davon trägt, welche nur rauscht — das lässt sich erst sagen, wenn unabhängige Stellen das gleiche Signal empfangen, auswerten und die Methode offengelegt wird.