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Zerbrochene Linsen: Amerikas Überwachungsnetz reißt

7. August 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Amerika, Spätsommer 2026. Auf den Straßen des Landes geht ein Phantom um — bewaffnet mit Rohrzangen, Baseballschlägern und, dem Anschein nach, gelegentlich auch mit Schusswaffen. Das Objekt seiner Aufmerksamkeit: die automatischen Kennzeichenleser der Firma Flock Safety, kleine Kameras auf dünnen Masten, die einst wie selbstverständlich über Kreuzungen, Schulen und Wohnvierteln wachten. Nun werden sie reihenweise gekappt, besprüht, geklaut — und niemand will es gewesen sein.

Der aufsehenerregendste Fall: Winona, Minnesota. Ein Beamter bemerkte am Samstagabend, dass alle acht städtischen Flock-Kameras gleichzeitig den Dienst quittiert hatten. Bei der Kontrolle vor Ort fanden sich nur noch die abgesägten Masten im Gras — die Geräte selbst waren verschwunden. Zwischen dem 29. Juli und dem 1. August, so schätzt die Polizei, müssen die Täter zugeschlagen haben. Jede Anlage, Mast inklusive, schlägt mit rund 3.000 Dollar zu Buche. Polizeisergeant Nicholas Quimby erklärte der Minnesota Star Tribune, ideologische Ablehnung der Technik oder die Hoffnung auf lohnenden Metallwert seien „definitiv mögliche Motive". Festgenommen wurde bislang niemand.

Anderswo verlief es weniger lautlos, dafür sichtbarer. In Houston, Texas, schnitt ein Unbekannter Anfang Juli zwei Geräte entzwei und überzog sie mit Sprühfarbe, eines davon mit einer amerikanischen Flagge. Am 25. Juli folgten vier weitere zerstörte Anlagen in derselben Stadt. In Ashland County, Ohio, registrierten die Behörden seit dem 8. Juli Beschädigungen — teils durch Fahrzeuge, teils durch Baseballschläger oder ähnliche Werkzeuge. In North Carolina fahndet die Polizei nach Hinweisen auf eine frisch installierte Flock-Kamera, die abgeschnitten wurde. Über allem schwebt die Frage, die dieser Bericht nicht beantworten kann: koordinierte Aktion oder verstreuter Unmut, der ein gleiches Ventil sucht.

Der Auslöser der Welle trägt einen Spitznamen: Steve Eimers, „The Guardrail Guy". Hunderttausende Follower folgen ihm auf YouTube, TikTok und X. Begonnen hatte er 2022, über Leitplanken zu berichten — nachdem seine 17-jährige Tochter Hannah bei einem Unfall gestorben war, weil ein Pfosten die Karosserie durchstieß, statt sie zurück auf die Straße zu lenken. Im April erweiterte er seine Sicherheitsrecherche auf die Kennzeichenleser von Flock und Axon. Seine These: Viele Geräte stünden zu nah an Leitplanken oder seien auf bestehende Verkehrsschilder montiert, deren „Breakaway"-Pfosten beim Aufprall nicht mehr nachgeben könnten.

Was als technische Sicherheitskritik begann, kippte schnell. In den Kommentarspalten häuften sich Aufrufe zur Zerstörung. Manche Kommentatoren waren wütend, dass Eimers selbst nicht Hand anlegte. Andere wollten exakte Standorte. Wieder andere priesen angeblich wertvolle Metalle im Gehäuse — Gold, Silber, Kupfer. Am 24. Juli empfahl ein Nutzer öffentlich einen „Large diameter pipe cutter". Am 22. Juli, zwei Tage vor diesem Kommentar, hatte Flock eine landesweite Installationsprüfung angekündigt. Firmenchef Garrett Langley hatte Eimers via Retweet als „wahren amerikanischen Helden" gefeiert.

Drei Tage später fand Eimers die Kamera aus einem seiner Posts zertrümmert am Straßenrand — wie aus einem Gewehrlauf beschossen, sagte er dem Magazin WIRED. Wenige Meilen weiter ein zweites Gerät, das er im Mai dokumentiert hatte, in gleicher Verfassung. Eimers zog die Konsequenz: Er stoppte seine Arbeit zu den Kennzeichenlesern, auf unbestimmte Zeit. Die Szenen hätten ihn „ein wenig erschüttert" zurückgelassen.

Unabhängig von der Zerstörungswelle verschärft sich der Verdacht gegen die Technik selbst. Flock hatte auf seinem YouTube-Kanal mindestens vier Polizeidienststellen als Vorzeigepartner präsentiert — Savannah Police Department (März 2022), Albany Police Department (2024), Sandy Springs Police Department (2020) und Baytown Police Department (2025). Alle vier sehen sich inzwischen mit Vorwürfen konfrontiert, ihre Flock-Systeme missbräuchlich genutzt zu haben. In Savannah wurden vier Beamte und zwei zivile Mitarbeiter nach einer internen Untersuchung beurlaubt. In Albany wurden fünf Beamte festgenommen und angeklagt. In Sandy Springs wurde ein Polizist entlassen. In Baytown trat ein Officer zurück. Vorwürfe ähnlicher Art werden aus Kansas, North Carolina, Ohio und Wisconsin gemeldet; in Georgia zusätzlich aus den Sheriff-Büros der Countys Coweta, Cherokee, Habersham und Richmond. Die Firma reagierte über Sprecherin Paris Lewbel: Missbrauch sei erkannt und adressiert worden. „Das ist genau der Grund, warum Rechenschaftsmechanismen und interne Prüfprozesse existieren."

Für die technischen Funktionsangaben zu Flock-Kameras verweist die Redaktion auf den laufenden Faktencheck des Portals Snopes, der zum Redaktionsschluss nicht in allen Punkten abschließend vorlag. Die grundsätzliche Arbeitsweise automatischer Kennzeichenleser — Erfassung von Kennzeichen bei Vorbeifahrt, Abgleich mit Datenbanken — ist in der öffentlichen Berichterstattung indes vielfach dokumentiert.

Die Zwischenbilanz an diesem Punkt: zerstörte Geräte in mindestens vier Bundesstaaten, ein Aktivist, der schweigt, eine Firma, die ihre Aufsicht lobt, eine Polizei, die ihre eigenen Werkzeuge nicht unter Kontrolle halten kann, und eine Öffentlichkeit, die nicht mehr unterscheiden will zwischen Schutz und Überwachung. Was hier bricht, ist nicht nur Metall. Es ist das Bündnis zwischen öffentlicher Sicherheit und kommerzieller Augenmacht — und es knackt an mehreren Stellen gleichzeitig. Welche Seite zuerst nachgibt, ist noch nicht entschieden.

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