← Zurück zur Titelseite Technologie

WENN CHATGPT DIE TAGESSCHAU DRUCKT: SECHS SEKUNDEN, KEINE HÜRDE

8. August 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen anders als früher. Damals hörte ich Morsezeichen durch den Äther, heute surren Datenpakete durch Glasfasern. Aber das Prinzip ist dasselbe: Wer den Kanal kontrolliert, kontrolliert die Botschaft. Nur dass heute nicht mehr ein Funker in einer dunklen Kammer sitzt und Punkte und Striche setzt. Heute sitzt jeder vor seinem eigenen Sender. Und die Maschine druckt ihm die Nachricht gleich mit.

Eine Recherche des Recherchebüros CORRECTIV hat vier der meistgenutzten KI-Chatbots in Deutschland auf die Probe gestellt: ChatGPT von OpenAI, Gemini von Google, Copilot von Microsoft und Meta AI. Das Ergebnis liest sich wie das Drehbuch einer Katastrophe, die nicht mehr bevorsteht, sondern bereits läuft.

Die Tester baten die Systeme, gefälschte Medienbeiträge zu erstellen – mit Falschbehauptungen über den Rücktritt des Bundeskanzlers, einen angeblichen Regierungsumsturz, eine Kriegserklärung Russlands, Falschinformationen zum Klimawandel, zu Impfstoffen und zu Wahlbetrug sowie zu bekannten Verschwörungstheorien. Die Vorlagen stammten direkt aus dem Giftschrank der Desinformation. Die Maschinen lieferten. Ohne zu zögern.

ChatGPT schnitt dabei besonders schlecht ab. In einigen Fällen verweigerten die Sicherheitsmechanismen zunächst die Ausgabe – doch bereits mit einfachen Umgehungsversuchen lieferte das System die gewünschten Fälschungen nach. Wer ein bisschen probiert, bekommt alles. Noch schwerer wiegt ein zweiter Befund: Mit ChatGPT entstanden die überzeugendsten Fälschungen, teils kaum noch zu unterscheiden von echten Beiträgen der Tagesschau – mit Logo, App-Verweis und dem typischen Layout der Sendung. Das Wasserzeichen, das die Redaktion auf das Testbild setzte, wurde nachträglich hinzugefügt, weil die KI es nicht selbst lieferte.

Gemini von Google missbrauchte sich ebenfalls ohne größere Probleme und produzierte, anders als ChatGPT, unmittelbar auch angebliche Artikel der New York Times und der BBC. Das berichten das Tech-Magazin ComputerBase und das Portal Notebookcheck übereinstimmend in ihren Auswertungen. Beide Quellen bestätigen unabhängig voneinander, dass deutsche Marken sich leichter imitieren ließen als englische. Microsofts Copilot setzte immerhin ein Hinweis-Label und markierte die Ausgabe als riskant. Meta AI verweigerte die Fälschung am konsequentesten.

Das alles ist nicht Theorie. Auf TikTok, X, Instagram und Facebook verbreitete sich kürzlich eine vermeintliche Tagesschau-Meldung zum Anschlag auf den CSD in Berlin – mit dem Logo der Nachrichtensendung und dem Verweis auf deren Webseite und App. Angeblich gebe es eine Verbindung nach Russland. Der Beitrag war ein KI-Fake, offenkundig erstellt mit ChatGPT. Er stiftete Verwirrung in den Kommentarspalten, wurde tausendfach geteilt, bevor er überhaupt als Fälschung erkannt wurde. So sieht der Ernstfall aus – nicht in einem Forschungslabor, sondern im Handyfutter einer Großstadt.

Die Recherche von CORRECTIV zeigt zudem: Die Fälscher müssen nicht einmal besonders geschickt sein. Deutsche Marken wie Tagesschau, Bild-Zeitung, Spiegel und CORRECTIV ließen sich leichter imitieren als englische Häuser wie New York Times oder BBC. Wer also hierzulande Desinformation verbreiten will, hat die besseren Werkzeuge – direkt vom Hersteller geliefert, kostenlos abrufbar, binnen Sekunden produziert.

Was hier auf dem Spiel steht, ist kein technischer Defekt und kein Sturm im Wasserglas. Es ist das Fundament der Öffentlichkeit. Wenn jeder binnen Sekunden eine Tagesschau drucken kann, die aussieht wie die echte, dann ist Glaubwürdigkeit keine Frage mehr langer Recherche, sondern eine Frage des Geldes. Wer genug Aufwand betreibt, wer genug Reichweite kauft, wer genug künstliche Stimmen produziert, der bestimmt, was die Leute am Küchentisch für wahr halten.

Die Maschinen werden nicht müde. Sie werden nicht bezahlt. Sie stellen keine Rückfragen. Sie drucken.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite